
Acuyo-Pfeffer
Piper auritum Kunth – Hoja Santa, das Heilige Blatt Mexikos
Der exotische Sonderling unter den Pfeffergewächsen: Beim Acuyo interessieren uns nicht die Beeren, sondern die riesigen, herzförmigen Blätter. Sein verblüffendes Aroma aus Anis, Sassafras und Minze macht ihn zur Seele der oaxacanischen Küche – und zum vielleicht vielseitigsten Gewürzblatt Mesoamerikas.
Botanische Identität
Ein Blattpfeffer – nicht die Beeren, sondern die Blätter zählen
Piper auritum Kunth gehört zur Familie der Piperaceae (Pfeffergewächse, Ordnung Piperales) und ist damit ein echter Verwandter des schwarzen Pfeffers (Piper nigrum). Doch während wir bei fast allen anderen Piper-Arten die Beeren nutzen, sind es beim Acuyo die riesigen, herzförmigen Blätter (bis 30 cm Durchmesser), die kulinarisch und medizinisch verwendet werden. Die Pflanze wächst als krautiger Strauch mit hohlen, knotigen Stängeln und kann Höhen von 2 bis 6 Metern erreichen. Die Blätter sind samtig-weich, dunkelgrün und verströmen bei Berührung sofort ein intensives Anis-Sassafras-Aroma. Der Name „auritum" (lateinisch „geöhrt") bezieht sich auf die ohrförmige Blattbasis.
Handelsname
Acuyo / Hoja Santa
Heiliges Blatt, Mexikanischer Blattpfeffer
Botanischer Name
Piper auritum Kunth
Piperaceae · Piperales
Wuchsform
Krautiger Strauch (2–6 m)
Hohle, knotige Stängel
Kategorie
Blattpfeffer (Piperaceae)
Verwandter von Piper nigrum
Verwendeter Teil
Blätter (bis 30 cm)
Herzförmig, samtig-weich
Weitere Namen
Root-Beer-Pflanze
Yerba Santa, Tlanepa (Nahuatl)
Der einzige Blattpfeffer der Welt
Acuyo ist der einzige Vertreter der Gattung Piper, bei dem primär die Blätter als Gewürz genutzt werden – nicht die Früchte. Das macht ihn zu einem botanischen Unikat in der Pfefferfamilie. Die Blätter enthalten bis zu 3,1 % ätherisches Öl (Trockengewicht), dominiert von Safrol – derselben Verbindung, die auch Sassafras sein charakteristisches Aroma verleiht.

Herkunft, Terroir & Anbau
Von Mexiko bis Panama – ein tropisches Gewürzblatt
Die Heimat von Piper auritum erstreckt sich von Südmexiko (Oaxaca, Veracruz, Tabasco, Chiapas) über ganz Mittelamerika bis nach Kolumbien. Die Pflanze bevorzugt feuchte, schattige Standorte in tropischen und subtropischen Wäldern auf Höhen von 0 bis 1.500 m. Sie gedeiht besonders gut an Flussufern, in Kaffee- und Kakaoplantagen sowie am Rand von Regenwäldern. Das Terroir beeinflusst den Safrol-Gehalt erheblich: Mexikanische Populationen zeigen ca. 51 %, panamaische bis zu 70 %, und kubanische 64,5 % Safrol im ätherischen Öl.
| Terroir-Parameter | Spezifikation | Auswirkung auf das Profil |
|---|---|---|
| Verbreitung | Südmexiko bis Kolumbien, Karibik | Safrol-Gehalt variiert 51–90 % nach Region |
| Habitat | Feuchte Waldränder, Flussufer, Schatten | Hohe Luftfeuchtigkeit fördert Ölproduktion |
| Höhenlage | 0–1.500 m ü.M. | Tropisch bis subtropisch |
| Anbau | Wild und kultiviert, Hausgärten | Leicht kultivierbar, schnellwüchsig |
| Erntesaison | Ganzjährig (tropisch), Sommer (subtropisch) | Frische Blätter immer verfügbar |
Kernregion
Oaxaca & Veracruz
Mexiko – Herz der Hoja-Santa-Kultur
Habitat
Feuchte Waldränder
Flussufer, Kaffee-/Kakaoplantagen
Höhe
0–1.500 m
Tropisch bis subtropisch
Ernte
Ganzjährig
Frische Blätter nach Bedarf

Ernte & Verarbeitung
Frisch gepflückt – Trocknung zerstört das Aroma
Die Verarbeitung von Hoja Santa ist denkbar einfach – und genau darin liegt ihre Eleganz. Die Blätter werden frisch gepflückt, wenn sie ihre volle Größe erreicht haben (20–30 cm). Es werden nur makellose, dunkelgrüne Blätter ohne Insektenfraß oder Verfärbungen geerntet. Die Hauptader wird bei großen Blättern manchmal entfernt, da sie zäh sein kann. Entscheidend: Hoja Santa wird fast ausschließlich frisch verwendet – getrocknete Blätter verlieren den Großteil ihres Aromas, da die flüchtigen Phenylpropanoide (insbesondere Safrol) bei der Trocknung sublimieren.
| Phase | Details | Ziel |
|---|---|---|
| Ernte | Handpflückung vollentwickelter Blätter | Maximaler Ölgehalt (20–30 cm Blätter) |
| Vorbereitung | Waschen, ggf. Hauptader entfernen | Reinigung, Texturverbesserung |
| Frischverwendung | Sofortige kulinarische Verwendung | Volles Aromaprofil (Safrol intakt) |
| Ölgewinnung | Wasserdampfdestillation oder SCE (40–50 °C) | 2,4–3,1 g ÄO/100 g Trockenmasse |
Warum Trocknung das Aroma zerstört
Das dominierende Safrol und die begleitenden Monoterpene (γ-Terpinen, Terpinolen) sind hochflüchtig. Bei der Lufttrocknung gehen bis zu 80 % des ätherischen Öls verloren. Superkritische CO₂-Extraktion (SCE) bei 40–50 °C und 10–17 MPa kann die Aromastoffe effizienter konservieren – die Ausbeute liegt bei 2,37–3,09 g/100 g Trockenmasse (Conde-Hernández et al. 2017). Für den Heimgebrauch gilt: Immer frisch verwenden.

Chemische Zusammensetzung
Safrol-dominiert – das Root-Beer-Molekül
Das ätherische Öl von Piper auritum wird von einem einzigen Phenylpropanoid dominiert: Safrol (51–90 %, je nach Herkunft). Safrol ist dasselbe Molekül, das auch Sassafras-Rinde und Root Beer ihr charakteristisches Aroma verleiht. Eine GC-MS-Studie aus 2024 (Cogent Food & Agriculture) identifizierte 27 Verbindungen im mexikanischen Öl: Safrol 51,4 %, γ-Terpinen 12,6 %, Terpinolen 9,6 %, β-Terpinen 5,9 %. Daneben finden sich Eugenol, Myristicin und β-Caryophyllen. Der Gesamtphenolgehalt der Blätter erreicht 305–1.147 mg/100 g Trockenmasse, mit Flavonoiden wie Apigenin-7-O-Neohesperidosid und Quercetin.
Leitverbindung
Safrol (51–90 %)
Phenylpropanoid – Root-Beer-Aroma
Ätherisches Öl
2,4–3,1 % (TG)
27 Verbindungen identifiziert (GC-MS)
Phenolgehalt
305–1.147 mg/100 g
Apigenin, Quercetin, Cyanidin
Terpen-Zusammensetzung
Anteil der wichtigsten Verbindungen am ätherischen Öl – bewege die Maus über die Balken für Aroma-Details
Aroma: Sassafras, Root Beer, süßlich-holzig
Aroma: Krautig-zitrusartig, frisch
Aroma: Blumig, kräuterartig, leicht holzig
Aroma: Holzig, würzig, pfeffrig
Aroma: Nelkenartig, warm, süßlich
Ätherisches Öl – Hauptkomponenten (GC-MS, Mexiko 2024)
| Verbindung | Anteil (%) | Sensorischer Charakter |
|---|---|---|
| Safrol | ~51,4 % | Sassafras, Root Beer, süßlich-holzig |
| γ-Terpinen | ~12,6 % | Krautig-zitrusartig, frisch |
| Terpinolen | ~9,6 % | Blumig, kräuterartig, leicht holzig |
| β-Terpinen | ~5,9 % | Holzig, zitrusartig |
| Eugenol | 1–5 % | Nelkenartig, warm, süßlich |
Sensorisches Profil
Anis trifft Root Beer – ein unverwechselbarer Cocktail
Das sensorische Erlebnis von Hoja Santa ist einzigartig in der Gewürzwelt. In der Nase entfaltet sich zunächst ein intensiver Anis-Sassafras-Akkord, gefolgt von Eukalyptus, Minze und einer grünen, fast pfeffrigen Note. Am Gaumen zeigt sich ein komplexes Spiel aus süßlicher Wärme (Safrol), krautiger Frische (Terpene) und einem Hauch von Nelke (Eugenol). Die Schärfe ist minimal (2/10) – Acuyo würzt durch Aroma, nicht durch Pungenz. Das Finish ist langanhaltend anisartig mit einer erfrischenden Menthol-Note.
Aroma-Radar
Schärfe-Intensität
| Sinnesebene | Charakteristik | Besonderheit |
|---|---|---|
| Aroma (Nase) | Anis, Sassafras, Eukalyptus, Minze | Root-Beer-Duft beim Zerreiben |
| Geschmack (Gaumen) | Süßlich-warm, krautig, Nelke | Würzt durch Aroma, nicht Schärfe |
| Schärfe | Minimal (2/10) | Kein Piperin – reines Aromagerüst |
| Finish | Langanhaltend anisartig | Erfrischende Menthol-Note |
Kulinarische Verwendung
Seele der oaxacanischen Küche – Mole, Tamales, Wickel
Hoja Santa ist ein unverzichtbarer Bestandteil der südmexikanischen Küche, insbesondere in Oaxaca und Veracruz. Die Blätter werden auf drei Arten eingesetzt: als aromatische Wickelhülle (wie ein essbares Bananenblatt), als Zutat in Saucen (püriert in Moles) und als Geschmacksgeber in Teigen (Tamales, Empanadas). Die Blätter müssen immer erhitzt werden, um ihre Aromen freizusetzen – roh sind sie zäh und weniger aromatisch.
Mole Verde
Das berühmte Mole Verde aus Oaxaca ist ohne Hoja Santa undenkbar. Die Blätter werden mit Tomatillos, grünen Chilis, Epazote und Petersilie püriert. Das Safrol-Aroma gibt dem grünen Mole seine unverwechselbare Tiefe.
Tamales de Hoja Santa
Tamales werden in Hoja-Santa-Blätter gewickelt statt in Maisblätter. Beim Dämpfen durchdringt das Anis-Sassafras-Aroma den Maisteig – eine Spezialität aus Veracruz und Tabasco.
Pescado en Hoja Santa
Fisch (oft Tilapia oder Schnapper) wird in Hoja-Santa-Blätter gewickelt und gegrillt oder gedämpft. Das Blatt schützt den Fisch vor direkter Hitze und aromatisiert ihn gleichzeitig – ein klassisches Gericht der Küstenregionen.
Queso de Hoja Santa
Oaxacanischer Quesillo (Fadenkäse) wird in Hoja-Santa-Blätter gewickelt und leicht erwärmt. Das Ergebnis: cremig-schmelzender Käse mit anisartiger Note – ein beliebter Botana (Snack) auf den Märkten von Oaxaca.

Food Pairing & Getränke
Safrol-Brücken zu Schokolade, Vanille und Mezcal
Das Food Pairing von Hoja Santa nutzt die Safrol-Brücke zu aromatisch verwandten Zutaten. Sassafras und Anis verbinden sich natürlich mit dunkler Schokolade (Kakao aus derselben Region!), Vanille und Zimt. Die krautigen Terpene harmonieren exzellent mit Zitrusfrüchten, und die Nelken-Note (Eugenol) schafft eine Brücke zu Allspice (Piment) – beide sind in der mexikanischen Küche heimisch. In der Getränkewelt glänzt Hoja Santa in Mezcal-Cocktails und als Tee.
| Partner | Aromabrücke | Anwendung |
|---|---|---|
| Schokolade (Kakao) | Safrol-Theobromin-Synergie | Mole Negro, Trüffel, heißer Kakao |
| Vanille | Phenylpropanoid-Verwandtschaft | Dessertcremes, Eis |
| Zitrusfrüchte | Terpinen-Limonen-Verwandtschaft | Ceviches, Salsas, Marinaden |
| Mezcal / Tequila | Rauchig-krautige Ergänzung | Cocktails, Infusionen |
Mezcal-Cocktail
Ein Hoja-Santa-Blatt in Mezcal infundieren (24 h) – das Safrol verbindet sich mit den rauchigen Agavennoten zu einem komplexen, anisartigen Cocktail-Basis. Serviert mit Limette und Agavensirup.
Hoja-Santa-Tee
Traditionell als Infusion gegen Magenbeschwerden getrunken. Frische Blätter mit heißem Wasser übergießen und 5–10 Minuten ziehen lassen – beruhigend, aromatisch, verdauungsfördernd.
Aztekischer Kakao
Die historische Kombination: Hoja Santa wurde in vorkolumbianischen Schokoladengetränken verwendet. Ein Blatt in heiße Schokolade eingerührt ergibt eine anisartig-würzige Kakao-Variante.
Gesundheit & Pharmakologie
Von der Volksmedizin zur modernen Pharmakologie
In der mesoamerikanischen Volksmedizin ist Hoja Santa seit Jahrhunderten ein Universalheilmittel: gegen Fieber, Magenbeschwerden, Atemwegserkrankungen, Hautinfektionen und sogar Schlangenbisse. Der Name „Hoja Santa" (Heiliges Blatt) spiegelt diesen medizinischen Respekt wider. Moderne Forschung bestätigt zahlreiche Wirkungen: Das Hexanextrakt zeigt antidiabetische Aktivität – es reduziert Blutzucker, Cholesterin und Triglyceride bei STZ-induzierten diabetischen Ratten und schützt pankreatische β-Zellen vor oxidativem Stress. Die antioxidative Kapazität erreicht ABTS-Werte von 4,88–64,99 mg Trolox/g.
| Wirkung | Mechanismus / Daten | Evidenzlevel |
|---|---|---|
| Antidiabetisch | Hexanextrakt senkt Blutzucker, schützt β-Zellen | In-vivo belegt (PMC) |
| Antioxidativ | ABTS 4,88–64,99 mg Trolox/g, vergleichbar mit BHT | In-vitro belegt (2013) |
| Antimykotisch | F. oxysporum MIC 6 mg/mL, A. ochraceus MIC 0,16 mg/mL | In-vitro belegt (2021/2024) |
| Antibakteriell | Wirksam gegen S. aureus und E. coli (Blattextrakt) | In-vitro (Redalyc 2021) |
| Lipidoxidations-Hemmung | 750 mg/kg Extrakt hemmt Fleischoxidation über 90 Tage | Anwendungsstudie (LWT 2021) |
Qualitätsmerkmale
Frische ist alles – der Duft-Check entscheidet
Die Qualität von Hoja Santa lässt sich mit einem einfachen Duft-Test beurteilen: Ein frisches Blatt zerreiben – entweicht ein intensiver, süßlich-anisartiger Root-Beer-Duft, ist die Qualität exzellent. Flache, grasige Noten deuten auf alte oder falsch gelagerte Blätter hin. Optisch sollten die Blätter dunkelgrün, glänzend und makellos sein – ohne Welkstellen, Gelbfärbung oder Insektenfraß. Die Blattgröße ist kein Qualitätskriterium; auch kleinere Blätter können aromatisch sein.
| Kriterium | Hohe Qualität | Minderwertig |
|---|---|---|
| Optik | Dunkelgrün, glänzend, makellos | Welk, gelb, Insektenfraß |
| Duft | Intensiv anisartig, süßlich, Root Beer | Flach, grasig, kaum Aroma |
| Textur | Samtig-weich, biegsam | Brüchig, trocken, spröde |
| Form | Frische, ganze Blätter bevorzugen | Getrocknete Blätter (80 % Aromaverlust) |
Duft-Check
Root-Beer-Explosion
Beim Zerreiben sofort wahrnehmbar
Optik
Dunkelgrün, glänzend
Keine Welkstellen oder Gelbfärbung
Vorsicht
Getrocknet wertlos
80 % Aromaverlust bei Trocknung
Lagerung & Haltbarkeit
Kühlschrank-Pflanze – frisch nur 5–7 Tage haltbar
Da Hoja Santa fast ausschließlich frisch verwendet wird, ist die Haltbarkeit begrenzt. Im Kühlschrank, in ein feuchtes Tuch gewickelt und in einem Beutel aufbewahrt, halten die Blätter 5–7 Tage. Alternativ können sie eingefroren werden: Blätter einzeln auf ein Blech legen, einfrieren, dann in Gefrierbeutel umfüllen – so halten sie bis zu 6 Monate, verlieren aber etwas Textur (für Saucen immer noch verwendbar). Eine Trocknung ist nicht empfehlenswert, da bis zu 80 % des ätherischen Öls verloren gehen. Wer regelmäßig Hoja Santa benötigt, sollte eine eigene Pflanze ziehen – sie ist in milden Klimazonen problemlos kultivierbar.
Frisch (Kühlschrank)
5–7 Tage
In feuchtem Tuch, im Beutel
Eingefroren
Bis 6 Monate
Texturverlust, für Saucen geeignet
Getrocknet
Nicht empfohlen
80 % Aromaverlust
Haltbarkeits-Rechner
Geschätzte optimale Haltbarkeit
48 Monate
Ganze Körner in bernsteinfarbenem Glas
Geschichte & Kultur
Von den Azteken zum modernen Oaxaca
Die Geschichte von Hoja Santa reicht tief in die präkolumbianische Ära zurück. Die Azteken nannten die Pflanze „Tlanepa" oder „Tlanepaquelite" (Nahuatl) und verwendeten sie sowohl kulinarisch als auch medizinisch – insbesondere in ungesüßten Kakaogetränken. Nach der spanischen Eroberung erhielt sie den christlichen Namen „Hoja Santa" (Heiliges Blatt) – der Legende nach soll die Jungfrau Maria das Jesuskind in diesen Blättern gewickelt haben. In Oaxaca entwickelte sich Hoja Santa zum kulinarischen Identitätsmerkmal der zapotekischen und mixtekischen Küche und ist bis heute unverzichtbar in der regionalen Gastronomie.
| Epoche | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| Präkolumbianisch | Aztekische Nutzung als Tlanepa | Kakaogetränke, Medizin, Ritual |
| Kolonialzeit | Umbenennung zu „Hoja Santa" | Christliche Legende, kulturelle Synthese |
| 19.–20. Jh. | Regionale Küchenidentität in Oaxaca | Zapotekische und mixtekische Tradition |
| Heute | Internationale Gourmet-Entdeckung | Enrique Olvera, Fine Dining, Mixologie |
Die Legende vom Heiligen Blatt
Nach der Christianisierung Mexikos entstand die Legende, die Jungfrau Maria habe das Jesuskind in Hoja-Santa-Blätter gewickelt, um es vor der Kälte zu schützen. Daher der Name „Heiliges Blatt". Ob historisch oder nicht – die Legende spiegelt den tiefen Respekt wider, den die mexikanische Bevölkerung diesem Gewürz entgegenbringt, und verbindet indigene Traditionen mit der kolonialen Kultur.
Markt, Handel & Wirtschaft
Lokaler Markt mit wachsender internationaler Nachfrage
Hoja Santa ist primär ein lokales Produkt – der Handel findet überwiegend auf mexikanischen Märkten statt, insbesondere in Oaxaca, Veracruz, Tabasco und Chiapas. International ist die Verfügbarkeit begrenzt: Frische Blätter findet man in lateinamerikanischen Supermärkten in den USA (Los Angeles, Chicago, New York, Houston). Die wachsende Begeisterung für authentische mexikanische Küche treibt die Nachfrage – insbesondere in der Gastronomie. Preise sind moderat (ca. 3–8 EUR pro Bund/10 Blätter), da die Pflanze leicht kultivierbar ist und kein knappes Gut darstellt.
Markttyp
Überwiegend lokal
Mexikanische Wochenmärkte
Preis
3–8 EUR / 10 Blätter
Moderat, leicht kultivierbar
Trend
Steigende Nachfrage
Authentische mexikanische Küche
Verwechslungsgefahr & Verfälschungen
Nicht verwechseln mit Betelblatt oder Epazote
Hoja Santa wird gelegentlich mit anderen großblättrigen Pflanzen verwechselt, insbesondere dem Betelblatt (Piper betle) – einem asiatischen Verwandten aus derselben Gattung, der jedoch völlig anders schmeckt (bitter, adstringierend). Auch Epazote (Dysphania ambrosioides) wird manchmal als „Ersatz" vorgeschlagen, hat aber ein komplett unterschiedliches Aromaprofil (kampferartig, nicht anisartig). In Regionen mit vietnamesischer Küche kann eine Verwechslung mit Piper lolot (Lá Lốt) vorkommen – ebenfalls ein Blattpfeffer, aber mit pfeffrigerem Geschmack.
| Kriterium | Hoja Santa (P. auritum) | Betelblatt (P. betle) |
|---|---|---|
| Größe | Sehr groß (20–30 cm) | Klein (5–10 cm) |
| Aroma | Anis, Sassafras, Root Beer | Scharf, bitter, adstringierend |
| Herkunft | Mesoamerika (Mexiko–Kolumbien) | Südostasien (Indien–Indonesien) |
| Blattform | Herzförmig, samtig, ohrförmige Basis | Herzförmig, glatt, glänzend |
| Leitverbindung | Safrol (51–90 %) | Hydroxychavicol, Eugenol |
Der Duft-Test: Root Beer oder Kampfer?
Der einfachste Unterscheidungstest: Ein Blatt zerreiben. Duftet es nach Root Beer / Anis (süßlich, warm), ist es echte Hoja Santa. Duftet es nach Kampfer / Medizin, handelt es sich um Epazote. Schmeckt es bitter und adstringierend, ist es Betelblatt. Dieser sensorische Test ist auch ohne analytische Ausrüstung zuverlässig.
Nachhaltigkeit & Soziale Verantwortung
Unkompliziert, invasiv und nachhaltig zugleich
Im Gegensatz zu vielen exotischen Gewürzen ist Hoja Santa ein Nachhaltigkeits-Champion. Die Pflanze ist extrem schnellwüchsig, benötigt keine Pestizide, keinen Dünger und minimale Bewässerung. Sie wächst wild an Waldrändern und in Hausgärten, ohne natürliche Ökosysteme zu belasten. Allerdings gibt es eine Kehrseite: In einigen Regionen außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets (z. B. Hawaii, Florida, Teile Afrikas) hat sich Piper auritum als invasive Art etabliert und verdrängt einheimische Vegetation. In Mexiko selbst ist die Pflanze ein wichtiger Bestandteil der Hausgarten-Biodiversität (Solar Maya) und sichert lokale Ernährungssouveränität.
Ökologische Vorteile
Kein Pestizid- oder Düngerbedarf, natürliche Schädlingsresistenz, schnelles Wachstum aus Stecklingen, Teil des Solar Maya (traditioneller Hausgarten). Die insektiziden Eigenschaften des ätherischen Öls bieten natürlichen Pflanzenschutz.
Invasives Potenzial
Außerhalb Mesoamerikas kann Piper auritum invasiv werden. In Hawaii, Florida und Teilen Afrikas verdrängt sie einheimische Vegetation. Beim Anbau außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebiets auf Kübelhaltung setzen und Ausbreitung kontrollieren.
Anbau
Extrem nachhaltig
Kein Pestizid, kein Dünger nötig
Risiko
Invasiv außerhalb Heimat
Hawaii, Florida, Afrika
Soziale Rolle
Ernährungssouveränität
Solar Maya, lokale Hausgärten
Quellenverzeichnis
- 1.Cogent Food & Agriculture (2024): „Chemical composition and antifungal activity of essential oils extracted from Pimenta dioica and Piper auritum leaves grown in Mexico." – GC-MS: 27 Verbindungen, Safrol 51,4 %, γ-Terpinen 12,6 %, antifungal gegen A. ochraceus MIC 0,16 mg/mL.
- 2.Chacón, O. et al. (2021): „In Vitro Antifungal Activity and Chemical Composition of Piper auritum Kunth Essential Oil against Fusarium oxysporum and Fusarium equiseti." Agronomy (MDPI) 11(6):1098. – MIC₅₀ 6–9 mg/mL, fungistatische Wirkung.
- 3.Conde-Hernández, L.A. & Guerrero-Beltrán, J.Á. (2013): „Total phenolics and antioxidant activity of Piper auritum and Porophyllum ruderale." Food Chemistry. – Phenolgehalt 305–1.147 mg/100 g, ABTS 4,88–64,99 mg Trolox/g.
- 4.Conde-Hernández, L.A. et al. (2017): „Supercritical extraction of essential oils of Piper auritum and Porophyllum ruderale." J. Supercritical Fluids. – SCE 40–50 °C, 10–17 MPa, Ausbeute 2,37–3,09 g/100 g, höchste Antioxidans-Aktivität.
- 5.PMC (2013): „Effect of the hexane extract of Piper auritum on insulin release from β-cell and oxidative stress in streptozotocin-induced diabetic rat." – Anti-diabetisch, β-Zell-Schutz, SOD/CAT/GSH/GPx-Wiederherstellung.
- 6.LWT-Food Science & Technology (2021): „The effects of Hierba Santa (Piper auritum Kunth) on the inhibition of lipid oxidation in beef burgers." – 750 mg/kg Extrakt hemmt Lipidoxidation über 90 Tage bei −20 °C.
- 7.De Gruyter (2021): „A systematic review of botany, phytochemicals and pharmacological properties of Piper auritum Kunth." Z. Naturforschung C. – Umfassende Übersicht zu Phytochemie, Pharmakologie, traditionelle Verwendung.
- 8.ScienceDirect (2025): „Metabolomic and transcriptomic assessment of Piper auritum Kunth leaves." – Integrierte Metabolomik/Transkriptomik, 416 annotierte Gene, Flavonoid-Biosynthesewege.
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