Tirphal
Zanthoxylum rhetsa (Roxb.) DC. – Die betäubende Bergamotte der Konkan-Küste
Der Tirphal ist die geheime Seele der indischen Westküstenküche: ein naher Verwandter des chinesischen Szechuanpfeffers, doch mit einem explosiven Bergamotte-Aroma, das seinesgleichen sucht. In den Fisch-Currys von Goa und dem Konkan durchbricht er die Schwere von Kokosmilch und fettem Fisch mit einem elektrisierenden Kribbeln, das den Gaumen erfrischt. Als Mitglied der Rautengewächse (Rutaceae) – und damit Verwandter der Zitrusfrüchte – ist er botanisch kein echter Pfeffer, sondern ein faszinierender Grenzgänger zwischen Zitrus, Gewürz und Medizin.
Botanische Identität
Rutaceae – Verwandter der Zitrusfrüchte, nicht der Pfefferfamilie
Der Tirphal (Zanthoxylum rhetsa (Roxb.) DC.) gehört zur Familie der Rutaceae (Rautengewächse) innerhalb der Ordnung Sapindales. Damit ist er ein direkter Verwandter der Zitrusfrüchte (Citrus), der Curry-Blätter(Murraya koenigii) und seiner berühmteren Geschwister: dem Szechuanpfeffer (Z. bungeanum), dem Sansho (Z. piperitum), dem Timut(Z. armatum) und dem Andaliman(Z. acanthopodium). Trotz des Namens "Pfeffer" ist kein Vertreter der Gattung Zanthoxylum ein Mitglied der echten Pfefferfamilie (Piperaceae) – sie enthalten kein Piperin.
Familie
Rutaceae
Rautengewächse (Zitrusfamilie)
Wuchsform
Dorniger Baum
Bis 30 m Höhe
Kategorie
Pseudo-Pfeffer
Sanshool statt Piperin
Ordnung: Sapindales → Familie: Rutaceae → Gattung: Zanthoxylum (~250 Arten) → Art: Zanthoxylum rhetsa (Roxb.) DC.
Synonyme: Fagara rhetsa (Roxb.) Engl., Zanthoxylum budrunga Wall. ex DC., Zanthoxylum limonella (Dennst.) Alston (teilweise, je nach Autor). In der Literatur herrscht taxonomische Verwirrung, da Z. rhetsaund Z. limonella von manchen Autoren als konspezifisch behandelt werden (Okagu et al. 2021, PMC8272177).
Namensherkunft: Der Name Tirphal(Marathi: तिरफळ, auch Teppal im Konkan-Dialekt) leitet sich möglicherweise von der Anordnung der Früchte ab, die oft in Dreiergruppen wachsen. In Kannada: ಜುಮ್ಮನ ಕಾಯಿ (Jumman Kayi). Hindi: बाजणा (Bajna) oder Mullilam(Tamil). Englisch: Indian Prickly Ash, Indian Szechuan Pepper. Zanthoxylum von griech. xanthón xýlon = "gelbes Holz" (bezogen auf die gelbliche Rinde). Rhetsa nach dem bengalischen/Sanskrit-Namen der Pflanze.
Wuchsform: Stattlicher, sommergrüner bis halbimmergrüner Baum, der beeindruckende Höhen von 10–30 m erreichen kann – weit größer als der strauchförmige Szechuanpfeffer (Z. bungeanum, 3–7 m). Der Stamm ist mit charakteristischen kegelförmigen Stacheln(bis 2 cm lang) besetzt, die auch an jungen Zweigen auftreten. Die Rinde ist grau bis gelblich, die innere Rinde aromatisch. Stammumfang reifer Bäume: bis 1,5 m.
Blätter: Unpaarig gefiedert mit 11–23 Fiederblättchen (4–12 cm lang), lanzettlich, am Rand fein gesägt. Beim Zerreiben intensiv zitrusartig duftend(ätherische Öldrüsen auf der Blattoberfläche). Junge Blätter rötlich getönt.
Blüten: Kleine, grünlich-weiße Blüten in endständigen oder achselständigen Rispen. Meist diözisch (getrenntgeschlechtig): männliche und weibliche Blüten auf verschiedenen Bäumen. Blütezeit: März–Mai (vor der Monsunzeit).
Frucht – Das Gewürz: Kugelförmige Balgfrüchte (Follikel, 5–8 mm Durchmesser), die in lockeren Rispen hängen. Bei Reife öffnen sie sich und zeigen einen einzelnen glänzend schwarzen Samen, der am Perikarp hängt. Das Perikarp(Fruchtkapsel) ist der gewürzrelevante Teil – es enthält die ölreichen Drüsen mit Sanshoolen und Terpenen. Die schwarzen Samen sind geschmacklos bis leicht bitter und werden vor der Verwendung entfernt.
Zanthoxylum-Verwandtschaft: Die Gattung Zanthoxylum umfasst weltweit ca. 250 Arten, von denen mindestens 5 kulinarisch bedeutend sind: Z. bungeanum (Szechuanpfeffer, China), Z. armatum(Timut, Nepal/Himalaya), Z. piperitum (Sansho, Japan), Z. acanthopodium (Andaliman, Sumatra) und Z. rhetsa(Tirphal, Indien). Alle teilen den Sanshool-basierten Numbing-Effekt, unterscheiden sich aber dramatisch im Terpenprofil und damit im Aroma (Okagu et al. 2021, PMC8272177).

Herkunft, Terroir & Anbau
Konkan-Küste & Westghats – feuchttropisches Terroir
Die primäre Heimat des Tirphal ist die Konkan-Küste Indiens, die sich über die Bundesstaaten Maharashtra, Goa und Karnatakaerstreckt. Er gedeiht in den feuchttropischen Wäldern der Westghats (Western Ghats), einem UNESCO-Weltnaturerbe und einem der 36 globalen Biodiversitäts-Hotspots.
Kerngebiet
Konkan-Küste
Maharashtra, Goa, Karnataka
Klima
Feuchttropisch
3.000–5.000 mm Monsunregen
Verbreitung
Tropisches Asien
Indien bis Nordaustralien
Konkan-Küste – Das Herzland: Die schmale Küstenebene zwischen den Westghats und dem Arabischen Meer in Maharashtra (Ratnagiri, Sindhudurg, Raigad) und Goa ist das kulturelle und kulinarische Kernland des Tirphal. Hier wächst er wild in den Wäldern der unteren Westghats (100–800 m ü.M.) und wird von lokalen Gemeinschaften gesammelt. Das Terroir – mineralreicher Lateritboden, extreme Monsunfeuchtigkeit (3.000–5.000 mm Niederschlag/Jahr), konstante Luftfeuchtigkeit von 80–95 % und die Nähe zum Meer – verleiht dem Konkan-Tirphal sein spezifisches, fast ätherisches Bergamotte-Aroma.
Westghats – Biodiversitäts-Hotspot: Die Westghats sind eines der artenreichsten Ökosysteme der Erde mit über 7.400 Pflanzenarten, davon 2.000 endemisch.Z. rhetsa wächst hier in halbimmergrünen und feuchten Laubwäldern als Begleitbaum von Teak (Tectona grandis), Mango (Mangifera indica) und Jackfruit (Artocarpus heterophyllus). Die Bäume stehen oft in Agroforstsystemen – integriert in Cashew-, Kokos- und Areka-Plantagen.
Goa – Kulinarische Hochburg: In Goa ist Tirphal ein Signaturgewürz der Küstenküche. Die goesische Identität ist untrennbar mit Fisch-Currys verbunden, in denen Tirphal neben Kokum (Garcinia indica) und Kokosmilch eine Schlüsselrolle spielt. Goesischer Tirphal von den lateritischen Plateaus gilt als besonders aromatisch.
Weitere Verbreitung: Z. rhetsa kommt auch in Bangladesh (Chittagong Hill Tracts), Myanmar, Thailand, Malaysia, Indonesien, Vietnam, Südchina (Yunnan, Hainan), Sri Lanka und bis nach Nordaustralien vor (Maduka & Ikpa 2021). In Südostasien wird er unter verschiedenen lokalen Namen als Gewürz und Heilpflanze verwendet, ist aber nirgends so kulturell bedeutend wie an der Konkan-Küste.
Terroir-Einfluss auf die Chemie: Das Terpenprofil variiert signifikant je nach Standort:
- Konkan (feuchttropisch, Lateritboden):Höchster Terpinen-4-ol-Gehalt (bis 28 %), intensivstes Bergamotte-Aroma → Premium-Qualität
- Himalaya-Vorland (trockener, kühler):Höherer Sabinen-Anteil, weniger florale Noten
- Südostasien (Thailand, Vietnam):Abweichendes Profil mit mehr Limonen, subtilere Zitrusnoten
Anbau vs. Wildsammlung: Tirphal wird überwiegend wild gesammelt. Systematischer Anbau existiert kaum – die Bäume werden in bestehenden Wäldern und Agroforstsystemen toleriert und gepflegt, aber selten gezielt gepflanzt. Diese Praxis birgt Risiken: steigende Nachfrage könnte die Wildbestände gefährden. Erste Domestizierungs- programme laufen in Maharashtra (Konkan Agricultural University, Dapoli).

Ernte & Verarbeitung
Unreif geerntet, sonnengetrocknet – Frischearoma bewahren
Die Erntezeit des Tirphal fällt in die Monsunzeit und Post-Monsun-Phase (Juli–Oktober). Die Beeren werden idealerweise im unreifen bis halbreifen Zustand geerntet, da sie zu diesem Zeitpunkt das intensivste Aroma und den höchsten Sanshool-Gehalt besitzen.
Ernte
Juli–Oktober
Unreif bis halbreif
Trocknung
Sonnentrocknung
Kapseln öffnen sich
Perikarp
Samen entfernen
Nur Kapsel verwenden
Erntezeitpunkt – Unreif ist besser: Im Gegensatz zu vielen Gewürzen, die bei Vollreife geerntet werden, erreicht Tirphal sein aromatisches Maximum im unreifen bis halbreifen Stadium (grün bis grünlich-rot). In diesem Stadium sind die Öldrüsen im Perikarp maximal gefülltmit Terpinen-4-ol, Sabinen und Sanshoolen. Bei Überreife (dunkelbraun, Kapseln bereits geöffnet) verflüchtigen sich die leichten Terpene, und das Aroma wird flacher.
Erntemethode: Die Fruchtrispen werden von Hand mit langen Stangen oder Haken von den hohen Bäumen (10–30 m!) heruntergeholt – eine anspruchsvolle und gefährliche Arbeit, da die Bäume dicht mit spitzen Stacheln besetzt sind. Oft klettern erfahrene Sammler in die Bäume. Ein Baum liefert 5–15 kg frische Früchte pro Saison.
Sonnentrocknung: Die ganzen Fruchtrispen werden auf Matten oder Betontüchern ausgebreitet und 3–5 Tage in der Sonne getrocknet. Während der Trocknung passiert das Entscheidende: Die Kapseln öffnen sich (dehiszieren) und geben die schwarzen Samen frei. Die Farbe wechselt von Grün zu einem rötlich-braunen bis dunkelbraunen Ton.
Samen-Separation: Nach der Trocknung werden die glänzend schwarzen Samen aussortiert – manuell (durch Schütteln in flachen Körben, Winnowing) oder mit einfachen mechanischen Sieben. Die Samen sind geschmacklos bis leicht bitter und enthalten keine Sanshoole oder aromatischen Terpene. Ein hoher Samenanteil in der Handelsware ist ein Qualitätsminderungszeichen.
Ganze Kapseln vs. Pulver: In der traditionellen Konkan-Küche werden ganze Kapseln bevorzugt: Sie werden kurz vor der Verwendung im Mörser angestoßen oder ganz in Currys mitgekocht und vor dem Servieren entfernt. Das Mahlen zu Pulver beschleunigt den Aromaverlust dramatisch: gemahlen verliert Tirphal seine Kopfnote innerhalb von Tagen (nicht Wochen oder Monaten).
Einweichen & Paste: Eine typische Technik der goesischen Küche: Tirphal-Kapseln werden 30–60 Minuten in warmem Wasser eingeweicht und dann im Mixer oder Mörser zu einer aromatischen Paste verarbeitet, die als Aromabasis für Fisch-Currys dient. Diese Methode extrahiert Sanshoole und Terpene optimal.
Kein Fermentations- oder Oxidationsprozess: Wie bei allen Zanthoxylum-Gewürzen wird das Perikarp einfach getrocknet – keine enzymatische Transformation, keine Röstung (im Gegensatz zum japanischen Sansho, der manchmal geröstet wird). Die Aromakomposition des frischen Perikarps wird durch die Trocknung konzentriert, nicht verändert.

Chemische Zusammensetzung
Sanshool-Numbing + Terpinen-4-ol-Dominanz = einzigartiges Profil
Das chemische Profil des Tirphal ist zweigeteilt: Die Sanshoole (Alkylamide) liefern den betäubenden Numbing-Effekt, während die Monoterpene – allen voran Terpinen-4-ol (18–28 %) und Sabinen(12–20 %) – das explosive Bergamotte-Aroma erzeugen. Das ätherische Öl des Tirphal-Perikarps unterscheidet sich fundamental von dem des chinesischen Szechuanpfeffers (Linalool-/Limonen-dominant).
Leitterpen
Terpinen-4-ol
18–28 % (Perikarp)
Numbing-Wirkstoff
Hydroxy-α-Sanshool
Alkylamid, TRPV1/TRPA1
Ätherisches Öl
3–6 % im Perikarp
118+ identifizierte Verbindungen
Terpenprofil des Perikarps (% im ätherischen Öl)
Aroma: Würzig-frisch, pfeffrig, medizinal
Aroma: Holzig, warm, leicht pfeffrig
Aroma: Kiefernartig, holzig, harzig
Aroma: Blumig-süß, fliederartig
Aroma: Zitrisch-würzig, herb
Aroma: Kiefernartig, frisch, harzig
Aroma: Blumig, lavendelartig, frisch
Aroma: Zitrisch, Orangenschale
Ätherisches Öl – Perikarp (das Gewürz): Das Perikarp enthält 3–6 % ätherisches Öl mit einer einzigartigen Zusammensetzung, die sich von allen anderen kulinarischen Zanthoxylum-Arten unterscheidet:
- Terpinen-4-ol (18–28 %): Die absolute Leitsubstanz des Tirphal. Dieses Monoterpenol (auch Leitterpen im Teebaumöl) erzeugt den medizinal-würzigen, pfeffrigen Grundtonmit einer frischen, fast kampferartigen Spitze. Sein hoher Anteil ist ein Alleinstellungsmerkmal unter den Zanthoxylum-Arten (Shafi et al. 2000).
- Sabinen (12–20 %): Bicyclisches Monoterpen mit holzig-warmem, leicht pfeffrigem Charakter. Auch im Samen dominierend (bis 66 %, Shafi et al. 2000).
- β-Pinen (7–12 %): Kiefernartig, harzig – liefert die Nadelwald-Komponente im Aroma.
- α-Terpineol (5–10 %): Blumig-süß, fliederartig – die "elegante" Note.
- γ-Terpinen (4–7 %): Zitrisch-würzig, herb.
- Linalool (2–5 %): Blumig – deutlich weniger als im Szechuanpfeffer (dort 13–29 %).
- Limonen (2–4 %): Zitrisch – ebenfalls geringer als bei Z. bungeanum.
Vergleich mit Szechuanpfeffer: Der entscheidende Unterschied: Szechuanpfeffer wird von Linalool + Limonen dominiert (zusammen 25–58 %), Tirphal von Terpinen-4-ol + Sabinen (zusammen 30–48 %). Dieses fundamental andere Terpenprofil erklärt den Bergamotte- statt Zitrus-Charakter des Tirphal.
Sanshoole (Alkylamide): Die für das Numbing/Tingling verantwortlichen Wirkstoffe:
- Hydroxy-α-Sanshool: Das Haupt-Alkylamid. Aktiviert TRPV1 (Wärmerezeptor) und TRPA1 (Kälterezeptor) gleichzeitig → das paradoxe warm-kalt-kribbelnde Mundgefühl. Hemmt mechanosensitive KCNK-Kanäle(Two-Pore-Domain-Kaliumkanäle) → das betäubende "Vibrieren" auf der Zunge (Bautista et al. 2008, PMID: 18408715).
- β-Sanshool, γ-Sanshool, Hydroxy-β-Sanshool:Neben-Alkylamide mit ähnlicher, aber schwächerer Wirkung.
Alkaloide (aus Rinde & Wurzeln):Z. rhetsa ist reich an Chinolon-Alkaloidenund Benzophenanthridinen: Zanthodiolin, Arnottianamid, Skimmianin, Fagaridine, Oxynitidin, Dihydrochelerythrin (stark antibakteriell, MIC 8 µg/mL gegen MRSA; Charoenying et al. 2012, PMID: 22864735). Auch dimere Chinolon-Terpen-Alkaloide wurden isoliert: Chelerybulgarin, Rhetsidimerin(Kaewkahya et al. 2014, PMID: 24768324).
Lignane: Pluviatilol, Kobusin, Eudesmin, Sesamin – aus Rinde und Holz. Kobusin zeigt Zytotoxizität gegen B16-F10 Melanom-Zellen (IC₅₀ 112,2 µg/mL; Charoenying et al. 2016, PMID: 27231889).
Flavonoide: Hesperidin als Hauptflavonoid (aus der Ethylacetat-Fraktion). Hesperidin hemmt IL-6, IL-1β, TNF-α und MMPs → anti-inflammatorischund potenziell hautschützend (Anti-Photoaging).
Cumarine: Xanthyletin, Umbelliferon, Bergapten, Scopoletin – typisch für Rutaceae (Zitrusfamilie).
HPTLC-Analyse (Chemical Profile): Studien mittels Hochleistungs-Dünnschichtchromatografie identifizierten inZ. rhetsa: 8 Glykoside, 10 Flavonoide, 6 ätherische Öl-Verbindungen, 5 Anthrachinone, 9 Bitterstoffe, 7 Cumarine, 8 Terpenoide (Yezdani & Mishra 2013).
Sensorisches Profil
Hochexplosiv: Bergamotte-Explosion mit elektrisierendem Numbing
Sensorisch ist Tirphal ein Erlebnis für Mutige: ein hochexplosives Aroma, das sofort mit einer intensiven Bergamotte-Zitrus-Welle beginnt und binnen Sekunden in ein elektrisierendes Kribbeln übergeht, das den Mundraum erfüllt. Kein Brennen – sondern ein "Vibrieren".
Aroma-Radar
Schärfe-Intensität
Visuell: Ganze Kapseln: rötlich-braun bis dunkelbraun, halboffen, schrumpelig-runzelig, 5–8 mm Durchmesser. Die geöffneten Kapselhälften erinnern an winzige Muschelschalen. Beim Öffnen der Verpackung fallen manchmal glänzend schwarze Samen heraus – diese sind geschmacklos. Das Pulver (selten): mittelbraun mit rötlichem Schimmer.
Nase – Der "Wow-Moment": Beim Öffnen des Gefäßes sofort eine explosive Aromawolke: Bergamotte (stärker als bei Earl Grey!), frische Zitrone, Kiefernharz, ein Hauch Kampfer. Beim Zerreiben einer Kapsel zwischen den Fingern intensiviert sich das Aroma zu einem fast ätherisch-medizinalen Ton (Terpinen-4-ol). Im Hintergrund: subtile blumige Wärme (α-Terpineol, Linalool). Ein deutlich komplexeres Nasenprofil als chinesischer Szechuanpfeffer.
Gaumen – Vierphasiges Erlebnis:
- Auftakt (0–3 Sek.): Zitrische Frische – saubere Zitrone/Bergamotte auf der Zungenspitze. Noch kein Kribbeln.
- Onset (3–8 Sek.): Das Tinglingsetzt ein. Zunächst an den Lippen, dann an der Zungenspitze, dann auf der gesamten Zunge. Ein elektrisierendes Vibrieren, als hätte man einen 9-Volt-Block geleckt. Nicht schmerzhaft, aber intensiv.
- Kernphase (8–60 Sek.): Die Betäubung (Numbing) breitet sich aus. Der Mundraum fühlt sich taub an, aber gleichzeitig seltsam kühl (TRPA1-Aktivierung). Die Bergamotte-Note ist jetzt im Hintergrund, überlagert vom physischen Mundgefühl. Massiver Speichelfluss(Sanshoole stimulieren Speicheldrüsen).
- Finish (1–25 Min.): Das Kribbeln klingt langsam ab, aber ein kühles Nachvibrierenbleibt 10–25 Minuten spürbar. Die Lippen fühlen sich leicht geschwollen an (sind es aber nicht – reiner Nerveneffekt). Nach dem Abklingen: ein sauberer, frischer Mundraum.
Intensitätsvergleich innerhalb der Zanthoxylum-Arten:Tirphal gilt als einer der intensivsten Vertreterder Gattung. Im direkten Vergleich: Tirphal ≥ Szechuanpfeffer > Timut > Sansho > Andaliman (bezogen auf die Numbing-Intensität). Das Bergamotte-Aroma ist einzigartig – keine andere Zanthoxylum-Art erreicht dieses Profil.
Kulinarische Verwendung
Die Seele der Konkan-Fischküche – Kokosmilch, Makrele, Garnelen
In der Küche von Goa und dem Konkan ist Tirphal unverzichtbar – so allgegenwärtig wie Szechuanpfeffer in Sichuan. Er ist der aromatische Gegenspieler zur Schwere von Kokosmilch und der Fettigkeit von Makrele, Garnelen und anderen Meeresfrüchten. Seine Funktion: die schwere, ölreiche Küche aromatisch durchbrechenund dem Gaumen eine elektrisierend frische Dimension hinzufügen.
Signaturgerichte
- • Bangda Curry (Makrelen-Curry): DAS goesische Fischcurry – Makrele in Kokossoße mit Tirphal, Kokum und grünem Chili
- • Kolambi Rassa (Garnelen-Curry): Maharashtrischer Garneleneintopf mit Tirphal-Paste als aromatischer Basis
- • Solkadhi: Erfrischendes Digestif-Getränk aus Kokosmilch + Kokum + Tirphal – nach dem Essen
- • Tisrya Masala (Muschel-Masala): Venusmuscheln mit Tirphal, Kokosnuss und Tamarinde
- • Kombdi Vade: Konkan-Hühnchen auf frittiertem Brot mit Tirphal-gewürzter Soße
Anwendungstechniken
- • Einweichen & Paste: 8–10 Kapseln in warmem Wasser einweichen (30 Min.), dann zu Paste mahlen → Aromabasis für Currys
- • Ganz mitkochen: 3–5 Kapseln ganz in den Curry geben, 10 Min. köcheln, vor dem Servieren entfernen
- • Tadka/Tempering: In heißem Öl/Ghee kurz anbraten (5–10 Sek.) → Aroma-Explosion, sofort Curry zugeben
- • Sparsam dosieren! 1–2 Kapseln reichen oft für ein ganzes Gericht – Tirphal ist intensiver als Szechuanpfeffer
- • Frisch mörsern: Immer kurz vor der Verwendung zerkleinern, Pulver verliert binnen Tagen sein Aroma
Die goldene Regel – Weniger ist mehr: Tirphal ist deutlich intensiver als sein chinesischer Cousin. Wo ein Rezept "1 EL Szechuanpfeffer" verlangt, genügen 1–2 Tirphal-Kapseln. Überdosierung führt nicht zu Schmerz, aber zu einer überwältigenden Taubheit, die das Essen für 20+ Minuten zum Geschmackserlebnis einer Betäubungsspritze degradiert.
Kokos-Synergie: Das Bergamotte-Aroma des Tirphal harmoniert perfekt mit Kokosmilch: Die Fettlöslichkeit der Terpene sorgt dafür, dass sich das Aroma in der Kokos- matrix wunderbar entfaltet. Die Sanshoole durchbrechen gleichzeitig die cremige Schwere → ein genialer Yin-Yang-Effekt.
Fusion-Ideen für die moderne Küche:
- Tirphal-Butter über gegrilltem Fisch (statt Zitronenbutter)
- Tirphal in Gin Tonic (1 Kapsel angedrückt → Bergamotte-Boost)
- Tirphal-Öl: 10 Kapseln in 200 ml neutralem Öl, 48 h ziehen lassen → Finishing-Öl für Ceviche
- Tirphal + Mango-Salsa → tropische Garnelen-Tacos
- Tirphal + Schokolade: In dunkler Ganache → das "indische Sichuan-Pralinen-Erlebnis"
- Tirphal-Curd: Joghurt + 2 zerkleinerte Kapseln + Salz + Honig → zu gegrilltem Naan

Food Pairing & Getränke
Kokosmilch, Fisch, Tamarinde – und überraschend gut mit Earl Grey
Das Pairing-Potenzial des Tirphal basiert auf seiner doppelten Funktion: Das Bergamotte-Aroma baut aromatische Brücken zu Zitrus und Blüten, während das Sanshool-Numbing Fett und Schwere kontrastiert.
Proteine
- • Makrele (klassisch!)
- • Garnelen & Krabben
- • Muscheln & Tintenfisch
- • Weißer Fisch (Seezunge, Dorade)
- • Hühnchen (in Kokos-Curry)
- • Lamm (überraschend gut!)
- • Paneer (vegetarisch)
Gewürz-Synergien
- • Kokosnuss/-milch (Konkan-Klassiker)
- • Kokum (Säure-Kontrast)
- • Tamarinde (süß-sauer)
- • Kurkuma (erdige Brücke)
- • Grüner Chili (Schärfe-Duo)
- • Senfkörner (Tadka-Partner)
- • Curryblätter (Rutaceae-Verwandtschaft!)
Getränke
- • Solkadhi (Kokum-Kokos-Tirphal)
- • Earl Grey Tee (Bergamotte-Brücke!)
- • Gin & Tonic (mit Tirphal statt Pfeffer)
- • Kokoswasser
- • Riesling Kabinett (fruchtig, leicht süß)
- • Weißbier (zitrusartig)
- • Mango Lassi (tropische Synergie)
Gesundheit & Pharmakologie
Ayurvedisches Verdauungsgewürz mit moderner Evidenz
In der ayurvedischen Medizin wird Tirphal seit Jahrhunderten als verdauungsfördernd, schmerzlindernd und entzündungshemmend geschätzt. Moderne Forschung bestätigt ein breites pharmakologisches Spektrum – von antimikrobiell über antidiabetisch bis zytotoxisch.
Verdauung
Stark spasmolytisch
Terpinen-4-ol + Sanshoole
Antimikrobiell
MRSA: MIC 8 µg/mL
Dihydrochelerythrin
Antidiabetisch
α-Glucosidase ↓
Sanshool-Alkylamide
Verdauungsfördernd & spasmolytisch: Die Sanshoole stimulieren den Speichelfluss massiv(Vorverdauung) und wirken gleichzeitig spasmolytisch auf die glatte Muskulatur des Magen-Darm-Trakts. Terpinen-4-ol besitzt eigenständige spasmolytische Aktivität. In der Ayurveda: Tirphal wird bei Blähungen, Koliken, Durchfall und Appetitlosigkeiteingesetzt. Die antidiarrhöische Wirkung des methanolischen Extrakts (250–500 mg/kg oral) wurde in Tiermodellen bestätigt (Rahman et al. 2002, PMID: 12234580).
Antibakteriell – MRSA-Aktivität: Aus der Stammrinde von Z. rhetsa isoliertes Dihydrochelerythrin zeigt beeindruckende Aktivität gegen methicillin-resistentenStaphylococcus aureus (MRSA) mit einem MIC-Wert von nur 8 µg/mL – sowie gegenE. coli (MIC 16 µg/mL). Zudem wurde ein neues Amidderivat, Zanthorhetsamid, als antibakterieller Wirkstoff identifiziert (Charoenying et al. 2012, PMID: 22864735).
Anti-inflammatorisch: Stamm- und Rindenextrakte von Z. rhetsa hemmen die LPS-induzierte Entzündung in RAW 264.7 Makrophagen. Mechanismus: Suppression von COX-2, iNOS und NF-κB. Das Perikarphexan-Extrakt hemmt NO mit einem IC₅₀ von 11,99 µg/mL. Hesperidin aus der Ethylacetat-Fraktion hemmt IL-6, IL-1β, TNF-α und MMPs (Brijwal et al. 2021, PMID: 33763143).
Analgetisch – Zahnschmerz-Tradition: Wie bei Gewürznelken wird Tirphal traditionell bei Zahnschmerzen direkt auf den Zahn gelegt. Der Mechanismus: Die Sanshoole betäuben lokale Nervenenden (KCNK-Kanal-Hemmung). Der methanolische Blattextrakt zeigte signifikante analgetische Aktivität im Essigsäure-induzierten Writhing-Test bei Mäusen (Hossain et al. 2025, DOI: 10.1177/1934578X251319206).
Antidiabetisch: Jüngste Forschung (2024) belegt, dass der ethanolische Wurzelrindenextrakt α-Amylase und α-Glucosidase hemmt(Schlüsselenzyme des Kohlenhydratstoffwechsels). In Alloxan-induzierten diabetischen Mäusen zeigte der Extrakt (200–600 mg/kg) signifikante hypoglykämische Effekte. Molekulares Docking bestätigte die Bindung an den Sulfonylharnstoff-Rezeptor 1 (SUR1) → Insulinsekretion (PLOS One, 2024, DOI: 10.1371/journal.pone.0304521). Allgemeine Zanthoxylum-Alkylamide zeigten in Streptozotocin- diabetischen Ratten hypoglykämische Wirkung (Chen et al. 2015, PMID: 26222710).
Zytotoxisch/Antikanzerogen: Die dimeren Chinolon-Terpen-Alkaloide aus der Wurzelrinde zeigen Zytotoxizität (Kaewkahya et al. 2014, PMID: 24768324). Kobusin (Lignan) hemmt B16-F10 Melanom-Zellen (IC₅₀ 112,2 µg/mL). Wurzel-/Stammrindenalkaloide sind aktiv gegen Magenkarzinom-Linien (SCL, Kato-3, NUGC-4) (Charoenying et al. 2016, PMID: 27231889).
Antioxidativ: Samen-, Samenschale- und Fruchtextrakte zeigen dosisabhängige Radikalfänger-Aktivität in DPPH- und ABTS-Assays. Das ätherische Öl bei 1.200 µg/mL zeigt signifikante antioxidative Kapazität. Hauptverantwortlich: phenolische Verbindungen, Terpinen-4-ol und Hesperidin (Hossain et al. 2025; Devi et al. 2015).
Thrombolytisch: Der Wurzelrindenextrakt zeigte in Clot-Lyse-Assays thrombolytisches Potenzial (Ahsan et al. 2019, SCIRP Journal Paper 91337).
⚠ Traditionelle Warnung: In der Ayurveda gilt Tirphal als "heiß" (Ushna) und sollte bei Pitta-Überschuss (Sodbrennen, Magengeschwüre, entzündliche Zustände) mit Vorsicht verwendet werden. Schwangere sollten wegen der spasmolytischen Wirkung auf die Dosierung achten. Bei empfindlichen Personen kann die intensive Sanshool-Exposition vorübergehend Taubheitsgefühl auf Lippen und Zungeauslösen (harmlos, klingt binnen 30 Min. ab).
Qualitätsmerkmale & Einkauf
Explosiver Zitrusduft beim Öffnen = Frische · Grau-bröckelig = alt
Das wichtigste Qualitätskriterium beim Tirphal ist die Nase: Ein hochwertiger Tirphal verströmt beim Öffnen des Behälters einen sofortigen, fast stechenden Zitrus-Bergamotte- Duft. Fehlt dieser – ist er alt oder minderwertig.
Dufttest
Sofort Bergamotte
Stechend, fast ätherisch
Textur
Elastisch-trocken
Nicht brüchig-grau
Samenanteil
Gering (<10 %)
Schwarze Samen = geschmacklos
Dufttest (Nr. 1-Kriterium): Beim Öffnen des Behälters sollte ein sofortiger, fast stechender Zitrus-Bergamotte-Duft aufsteigen – so intensiv, dass man instinktiv den Kopf zurückzieht. Fehlt dieser "Wow-Moment" → überlagert oder minderwertige Charge. Beim Zerreiben einer Kapsel zwischen den Fingern: noch intensiver, fast ätherisch-medizinal.
Texturtest: Gute Kapseln sind elastisch-trocken – sie geben unter Druck leicht nach und brechen dann mit einem hörbaren Knacken. Brüchig-graue, staubige Kapseln sind überaltert (Terpene verflüchtigt, Sanshoole abgebaut).
Farbe: Frischer Tirphal: rötlich-braun bis schokoladenbraun mit sichtbaren Öldrüsen auf der Oberfläche. Überalterter Tirphal: grau-blass, stumpf, ohne Glanz.
Samenanteil: Der Anteil schwarzer Samen in der Packung sollte unter 10 %liegen. Ein hoher Samenanteil (20–40 %) ist ein Zeichen für minderwertige Verarbeitung oder vorsätzliche Gewichtsstreckung. Die Samen sind geschmacklos und enthalten keine gewünschten Verbindungen.
Ganze Kapseln bevorzugen: Tirphal sollte immer als ganze Kapseln gekauft werden, niemals als Pulver. Gemahlener Tirphal verliert seine Kopfnote innerhalb von Tagen – eine Tragödie für ein Gewürz, dessen Hauptattraktion das Aroma ist.
Bezugsquellen (Europa): Indische Lebensmittelgeschäfte (speziell Maharashtra/Goa-Sortiment), spezialisierte Online-Gewürzhändler (Suche nach "Tirphal" oder "Teppal"), manchmal unter "Indian Szechuan Pepper". Nicht in normalen Supermärkten erhältlich.
Preis: 15–40 EUR/100 g in Europa (Nischenprodukt mit begrenztem Angebot). In Indien: 300–800 INR/kg (~3–8 EUR) auf lokalen Märkten.
Lagerung & Haltbarkeit
Extrem flüchtige Terpene – luftdicht ist Pflicht
Die ätherischen Öle des Tirphal sind extrem flüchtig: Terpinen-4-ol, Sabinen und Limonen verflüchtigen an der Luft innerhalb weniger Wochen. Eine völlig luftdichte, dunkle Lagerungist zwingend erforderlich.
Ganze Kapseln
12–18 Monate
Luftdicht, dunkel, kühl
Gemahlen
3–5 Tage (!)
Kopfnote verflüchtigt sofort
Lagerung
Kühl, luftdicht, dunkel
<20 °C, hermetisch
Haltbarkeits-Rechner
Geschätzte optimale Haltbarkeit
48 Monate
Ganze Körner in bernsteinfarbenem Glas
Geschichte & kulturelle Bedeutung
Das Gewürz der Götter – gehütetes Geheimnis der Konkan-Küste
Der Tirphal ist tief in der Folklore der Konkan-Völker verwurzelt – ein Gewürz, das über Generationen als regionales Geheimnis gehütet wurde, während sein Cousin, der Szechuanpfeffer, weltberühmt wurde.
Ayurvedische Tradition: In der Ayurveda (den traditionellen medizinischen Texten Indiens, die bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen) wird Zanthoxylum rhetsa unter dem Sanskrit-Namen "Tumburu" oder "Tejovati " geführt. Er wird als Katu(scharf), Ushna (erhitzend) und Deepan (verdauungsanregend) klassifiziert. Einsatz bei: Agni Mandya (schwaches Verdauungsfeuer), Aruchi (Appetitlosigkeit), Adhmana (Blähungen), Dantaroga(Zahnkrankheiten). In der Siddha-MedizinSüdindiens ähnliche Verwendung.
Das "Gewürz der Götter": In der Folklore der Konkan-Küste gilt Tirphal als heiliges Gewürz, das böse Geister vertreiben und den Körper reinigen soll. Es wird bei religiösen Zeremonien als Räuchermittel verwendet – die getrockneten Kapseln verströmen beim Verbrennen einen intensiven, reinigenden Duft. In Tempeln des Konkan wird Tirphal-Rauch als spirituelles Reinigungsmittel eingesetzt.
Regionales Geheimnis: Während Szechuanpfeffer durch die chinesische Diaspora und die Popularisierung der Sichuan-Küche global bekannt wurde, blieb Tirphal ein gut gehütetes regionales Geheimnis. Die Konkan-Küche – obwohl reich und raffiniert – hatte keine vergleichbare Internationalisierung. Erst mit dem Aufstieg der indischen Gastronomieszene und dem Trend zu regionalen Küchen (jenseits von Tandoori und Tikka Masala) gelangt Tirphal seit ca. 2015 langsam ins Bewusstsein internationaler Köche.
Namensherkunft: Tirphal(Marathi: तिरफळ) leitet sich möglicherweise vom Sanskrit Triphala (drei Früchte) ab – ein Verweis auf die Dreiergruppen, in denen die Früchte oft am Ast hängen. Andere Deutung: Tri + Phala(dreifache Frucht, bezogen auf die dreiteilige Fruchtkapsel). Teppal (Konkan-Dialekt) ist eine lautmalerische Variante.
Moderne Renaissance: Köche wie Ranveer Brar, Thomas Zacharias(ehemals The Bombay Canteen) und die Crew von Masala Library haben Tirphal in die moderne indische Fine-Dining-Szene integriert und damit internationale Aufmerksamkeit erzeugt. Instagram und Food-Blogs der Maharashtrian-Diaspora verbreiten Tirphal-Rezepte zunehmend global.
Markt, Handel & Wirtschaft
Nischenprodukt mit steigender internationaler Nachfrage
Tirphal ist ein extremes Nischenprodukt: Er wird selten auf dem Weltmarkt gehandelt und ist primär auf lokalen Märkten in Maharashtra, Goa und Karnatakaerhältlich. Die internationale Nachfrage steigt jedoch, angetrieben durch die Fine-Dining-Revolution und den Trend zu regionalen indischen Gewürzen.
Handelsvolumen
Sehr gering
Lokale Märkte dominieren
Trend
Steigend
Fine-Dining & Online-Handel
Preis (Europa)
15–40 EUR/100 g
Nische, begrenztes Angebot
Lokale Märkte Indiens: Der überwiegende Handel findet auf lokalen Wochenmärkten (bazaars) in Maharashtra (Ratnagiri, Sindhudurg, Kolhapur, Pune) und Goa statt. Preis: 300–800 INR/kg (~3–8 EUR) je nach Erntejahr und Qualität. Wildsummlung-Chargen sind teurer als Plantagen-Ware.
Zwischenhändler-Problem: Wie bei vielen indischen Wildsammelgewürzen kontrollieren Zwischenhändler (middlemen) einen großen Teil der Wertschöpfungskette. Sammler erhalten oft nur 20–30 % des Endkundenpreises. Fair-Trade-Initiativen und Direktvermarktung über Online-Plattformen gewinnen an Bedeutung.
Internationaler Handel: Bislang marginal. Verfügbar über spezialisierte Gewürz-Online-Shops (EU, USA, UK), oft unter "Indian Szechuan Pepper" oder "Teppal" vermarktet. Wachsende Diaspora-Nachfrage treibt den Export.
Fine-Dining-Effekt: Seit der Verwendung durch prominente indische Köche (Thomas Zacharias, Ranveer Brar) und vereinzelt durch internationale Spitzenköche steigt die Nachfrage im Gastronomie-Großhandel. Einzelne europäische Gewürzhändler listen Tirphal seit 2020 als Spezialität.
Ertragslage: Die Erträge schwanken stark, da Tirphal primär wild gesammelt wird. Monsun-Intensität, Waldrodung und Klimaschwankungen beeinflussen die jährliche Verfügbarkeit. In schlechten Jahren können die Preise um 50–100 % steigen.
Verwechslung & Verfälschungen
Tirphal ≠ Timut ≠ Szechuanpfeffer – Bergamotte als Erkennungsmerkmal
Die häufigste Verwechslungsgefahr besteht mit dem Timut-Pfeffer(Nepal) und dem Szechuanpfeffer (China). Obwohl alle drei zur Gattung Zanthoxylum gehören und den Numbing-Effekt teilen, sind ihre Aromaprofile fundamental verschieden.
| Merkmal | Tirphal (Z. rhetsa) | Timut (Z. armatum) | Szechuanpfeffer (Z. bungeanum) | Sansho (Z. piperitum) |
|---|---|---|---|---|
| Herkunft | Konkan-Küste, Indien | Nepal, Himalaya | Sichuan, China | Japan |
| Leitterpen | Terpinen-4-ol (18–28 %) | Linalool + Limonen | Linalool (13–29 %) | Citronellal, Geraniol |
| Aroma-Charakter | Bergamotte, medizinal | Grapefruit, Passionsfrucht | Zitrus-blumig, lavendelartig | Zitrus-grün, milde Limette |
| Numbing-Intensität | Sehr stark (9/10) | Mittel (6/10) | Stark (8/10) | Mild (4/10) |
| Größe | 5–8 mm | 3–5 mm | 3–5 mm | 3–4 mm |
| Küche | Konkan-Fischcurry | Nepalische Momos, Pickles | Sichuan-Ma-La-Gerichte | Japanische Kaiseki, Unagi |
| Baumhöhe | 10–30 m (Baum) | 3–8 m (Strauch/Baum) | 3–7 m (Strauch) | 2–5 m (Strauch) |
Erkennungsschlüssel: Im Zweifel: eine Kapsel zerreiben und riechen. Das explosive Bergamotte-Aroma des Tirphal ist unverwechselbar – kein anderer Zanthoxylum-Vertreter riecht so. Timut erinnert eher an Grapefruit/ Passionsfrucht, Szechuanpfeffer an Lavendel/ Zitrus, Sansho an grüne Limette.
Verfälschungen: Da Tirphal ein Nischenprodukt ist, sind gezielte Verfälschungen selten – der spezifische Duft ist schwer zu imitieren. Minderwertige Ware erkennt man an:
- Hoher Samenanteil (>30 %): Schwarze, geschmacklose Samen machen Gewicht, liefern aber kein Aroma
- Beimischung von billigerem Szechuanpfeffer:Sensorisch am fehlenden Bergamotte-Ton erkennbar
- Alte Chargen als "frisch" verkauft:Grau-staubige Optik, fehlender Duft beim Öffnen
Nachhaltigkeit & soziale Verantwortung
Wildsammlung in den Westghats – Biodiversitäts-Hotspot schützen
Da Tirphal primär wild gesammelt wird und die Bäume in einem der sensibelsten Ökosysteme der Erde wachsen – den Westghats (UNESCO-Weltnaturerbe) – hat seine nachhaltige Nutzung eine besondere ökologische Dimension.
Westghats – Biodiversitäts-Hotspot: Die Western Ghats gehören zu den 36 globalen Biodiversitäts-Hotspots und wurden 2012 als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannt. Sie beherbergen über 7.400 Pflanzen-, 1.500 Wirbeltier- und 325 bedrohte Tierarten. Z. rhetsa-Bäume sind Teil dieses ökologischen Netzwerks: Sie bieten Nahrung für Vögel (Samen) und Bestäuber (Blüten) und stabilisieren Hänge mit ihrem tiefen Wurzelsystem.
Agroforstsysteme: Tirphal-Bäume sind traditionell Teil von Agroforstsystemenan der Konkan-Küste: Sie stehen in Cashew-Plantagen, Kokospalmenhainen und Arekanuss-Gärten als Schattenbäume und Windbrecher. Diese Integration schützt die Bäume vor Rodung und fördert die Biodiversität in landwirtschaftlichen Flächen.
Risiken durch steigende Nachfrage: Die wachsende internationale Nachfrage könnte zu Übernutzung der Wildbestände führen. Besorgniserregend:
- Unkontrollierte Sammlung: Ohne regulierte Sammelquoten könnten ältere Bäume durch aggressive Erntepraktiken (Abbrechen ganzer Äste) geschädigt werden
- Habitatverlust: Waldrodung für Plantagen (Kautschuk, Ölpalmen) und Urbanisierung reduzieren die natürlichen Lebensräume in den Westghats
- Klimawandel: Veränderte Monsunmuster könnten die Blüte- und Fruchtzyklen stören
Lösungsansätze:
- Domestizierung: Die Konkan Agricultural University (Dapoli, Maharashtra) arbeitet an Anbauprotokollen für Z. rhetsa – Ziel: kontrollierte Plantagen, die Wildbestände entlasten
- Direktvermarktung: Projekte helfen Sammlerfamilien, den Zwischenhandel zu umgehen und direkt an Endkunden zu verkaufen (z. B. über Online-Plattformen wie Amazon India)
- GI-Schutz: Bestrebungen, Konkan-Tirphal als Geographical Indication (GI) schützen zu lassen (analog zum Kampot-Pfeffer oder Tellicherry) – dies würde Qualitäts- standards und faire Preise sichern
- Community-Based Natural Resource Management: Lokale Sammelgemeinschaften organisieren sich, um Sammelquoten und Rotationsernten einzuführen
Soziale Dimension: Die Tirphal-Sammlung bietet Tausenden von Familien in den Westghats ein saisonales Zusatzeinkommen. Besonders Frauen und Adivasi-Gemeinschaften(indigene Völker) sind in die Sammlung und Erstverarbeitung involviert. Faire Handelsbedingungen sind entscheidend, um diese Gemeinschaften zu stärken und gleichzeitig die Waldressourcen zu schützen.
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