Chiloé-Pfeffer
Drimys winteri J.R.Forst. & G.Forst. – Heiliger Baum der Mapuche
Der Chiloé-Pfeffer stammt vom Canelo – dem heiligsten Baum des Mapuche-Volkes. Seine getrockneten Beeren liefern eine einzigartige Schärfe durch Polygodial, ein Driman-Sesquiterpen, das weder Piperin noch Capsaicin ist. Ein botanischer Solitär aus den valdivianischen Regenwäldern Patagoniens.
Botanische Identität
Ein lebendes Fossil der Winterrindengewächse
Drimys winteri gehört zur Familie der Winteraceae (Winterrindengewächse) – einer der ältesten Blütenpflanzenfamilien der Erde. Die Winteraceae gelten als basale Angiospermen und stehen evolutionär nahe an der Basis des Angiospermen-Stammbaums, noch vor der Trennung von Monokotyledonen und Eudikotyledonen. Anders als bei echten Pfeffern (Piperaceae) fehlt dem Holz der Winteraceae die Fähigkeit zur Bildung von Tracheen – ein archaisches Merkmal, das an Nadelbäume erinnert.
Familie
Winteraceae
Winterrindengewächse
Gattung
Drimys
ca. 7 Arten weltweit
Kategorie
Pseudo-Pfeffer
Basale Angiosperme
Ordnung: Canellales → Familie: Winteraceae → Gattung: Drimys → Art: D. winteri J.R.Forst. & G.Forst. (1776) → Varietät: var. chilensis (DC.) A.Gray (Chiloé-Form)
Wuchsform: Immergrüner Baum, schlank und aufrecht, bis 20 m Höhe in natürlichen Beständen. Die Varietät chilensis auf Chiloé und in Küstenwäldern bleibt oft bei 5–10 m. Eine Zwergform (var. andina) erreicht nur 1 m.
Rinde: Grau, dick, weich und stark aromatisch. Sie enthält hohe Konzentrationen an Polygodial und war historisch als Pfeffer- und Zimtsubstitut im Einsatz. Das Holz ist rötlich, schwer und mit schöner Maserung – wird für Möbel und Musikinstrumente verwendet.
Blätter: Lanzettlich, glänzend dunkelgrün oben, bläulich-weiß unterseits, bis 20 cm lang. Stark aromatisch bei Zerreiben (Kampfer- und Kiefernoten).
Blüten: Weiß mit gelbem Zentrum, sternförmig, in Dolden angeordnet, jasminähnlich duftend. Blüte im Frühjahr/Sommer (Oktober–Januar auf der Südhalbkugel).
Frucht: Kleine Beeren, rosinengroß, im getrockneten Zustand orangebraun und runzelig. Die Samen sind extrem scharf – sie liefern den eigentlichen "Chiloé-Pfeffer" des Gewürzhandels.
Evolutionäre Besonderheit: Die Winteraceae besitzen kein Gefäßsystem mit Tracheen (trachealos) – sie transportieren Wasser ausschließlich über Tracheiden, wie Nadelbäume. Dies ist ein Relikt aus der Kreidezeit und macht sie zu "lebenden Fossilien" der Angiospermen-Evolution.

Herkunft, Terroir & Anbau
Valdivianische Regenwälder und patagonische Küsten
Der Chiloé-Pfeffer ist nach der Insel Chiloé benannt, der zweitgrößten Insel Chiles im südlichen Los Lagos-Region. Das natürliche Verbreitungsgebiet von Drimys winteri erstreckt sich über die gesamten valdivianischen und magellanischen Regenwälder – von 32°S (Zentralchile) bis Kap Hoorn (56°S), eines der regenreichsten Waldgebiete der Erde.
Verbreitung
32°–56° S
Chile & Argentinien
Höhenlage
0–1.200 m
Küstenwälder bis Bergwald
Niederschlag
> 2.000 mm/Jahr
Valdivianischer Regenwald
Chiloé (42°–43° S): Die namensgebende Insel ist das Zentrum der kommerziellen Ernte. Das Klima ist kühl-ozeanisch mit Durchschnittstemperaturen von 9–11 °C, hoher Luftfeuchtigkeit und 2.000–2.500 mm Jahresniederschlag. Die nährstoffarmen, sauren Böden (pH 4,5–5,5) und die ständige Meeresbrise erzeugen ein einzigartiges Terroir.
Valdivianische Regenwälder (39°–43° S): Dieser gemäßigte Regenwald gehört zu den 25 globalen Biodiversitäts-Hotspots (Conservation International). Drimys winteri ist hier eine dominante Art der küstennahen immergrünen Wälder und bildet oft zusammen mit Nothofagus (Südbuchen) und Araukarien die obere Baumschicht.
Patagonien & Feuerland (46°–56° S): In den magellanischen Wäldern erreicht der Canelo die südlichste Verbreitung aller immergrünen Laubbäume der Welt. Die extremen Winde und kurzen Vegetationsperioden zwingen ihn hier zu kompaktem, niedrigem Wuchs. Die Beeren aus diesen Extremstandorten gelten als besonders aromatisch (höhere Sesquiterpen-Konzentration durch Stressmetabolismus).
Bestandsgröße: Drimys winteri bedeckt rund 230.000 Hektar in Südchile, hauptsächlich in der Region Los Lagos. Die Art ist nicht gefährdet und wird fast ausschließlich durch Wildsammlung geerntet – kommerzieller Plantagenanbau existiert bisher kaum.
Frosttoleranz: Außergewöhnlich winterhart für einen Laubbaum aus dem Regenwald – toleriert bis −20 °C (USDA-Zone 7a). Wird deshalb auch in Großbritannien (bis Anglesey), den Färöer-Inseln und dem pazifischen Nordwesten der USA als Zierbaum kultiviert.

Ernte & Verarbeitung
Wildsammlung in patagonischen Regenwäldern
Im Gegensatz zu kultivierten Pfeffersorten wird Chiloé-Pfeffer fast ausschließlich durch Wildsammlung gewonnen. Die Ernte erfolgt traditionell durch die lokale Landbevölkerung Chiloés, die in Generationenwissen die besten Sammelzeiten und -methoden weitergeben. Sowohl die Beeren als auch die Rinde finden Verwendung als Gewürz.
Erntezeit
März–Mai
Herbst (Südhalbkugel)
Trocknung
Lufttrocknung
Schonend bei < 40 °C
Erntemethode
Wildsammlung
Keine Plantagenkultur
1. Beerenernte: Die Beeren werden im vollreifen bis leicht überreifen Zustand gepflückt (März–Mai), wenn die Polygodial-Konzentration am höchsten ist. Die kleinen, rosinengroßen Beeren werden von Hand von den Dolden gelöst – eine zeitintensive Arbeit in unzugänglichem Regenwaldterrain.
2. Rindengewinnung: Alternativ wird die aromatische Rinde in Streifen abgeschält. Traditionell geschah dies nachhaltig – nur Seitenäste wurden entrindet, der Hauptstamm blieb intakt. Die Rinde wird als Pfeffer- und Zimtsubstitut verwendet.
3. Trocknung: Schonende Lufttrocknung bei <40 °C über 7–14 Tage. Höhere Temperaturen zerstören das thermisch labile Polygodial – ein kritischer Unterschied zu Capsaicin (hitzestabil) und Piperin (mäßig hitzestabil). Forschungen zeigen, dass die Trocknungsbedingungen das Volatilprofil massiv beeinflussen.
4. Sortierung: Getrocknete Beeren werden nach Größe und Unversehrtheit sortiert. Intakte, runzelige Beeren von orangebrauner Farbe gelten als Premiumqualität. Beschädigte oder verfärbte Beeren werden zu Pulver verarbeitet.
Ätherisches Öl: Durch Wasserdampfdestillation der Blätter und Rinde gewonnen. Ausbeute: 0,5–2,0 % (Blätter) bzw. 0,1–0,5 % (Rinde). Das Öl wird in der Naturkosmetik, Aromatherapie und zunehmend als Bio-Pestizid erforscht.

Chemische Zusammensetzung
Polygodial – ein Driman-Sesquiterpen als Schärfe-Architektur
Die Schärfe des Chiloé-Pfeffers stammt weder von Piperin noch von Capsaicin, sondern von Polygodial – einem Driman-Sesquiterpen-Dialdehyd, der einen völlig eigenen Schärfemechanismus besitzt. Polygodial ist ein TRPA1-Agonist und hemmt zusätzlich spannungsabhängige Natriumkanäle (NaV1.7/1.8), was eine einzigartige Kombination aus Schärfe, Kribbeln und nachfolgender Taubheit erzeugt.
Leitwirkstoff
Polygodial
Driman-Sesquiterpen-Dialdehyd
Rinde
0,11–2,76 %
Polygodial-Gehalt
Rezeptor
TRPA1 + NaV
Dual-Mechanismus
Terpenprofil des ätherischen Öls (GC-MS)
Aroma: Holzig, balsamisch, warm
Aroma: Holzig, frisch, krautig
Aroma: Würzig, pfeffrig, holzig
Aroma: Frisch, kiefernartig, harzig
Aroma: Harzig, terpentinartig, frisch
Driman-Sesquiterpene: Die bioaktive Leitgruppe umfasst Polygodial (dominantes Dialdehyd, C₁₅H₂₂O₂), Drimenol (Sesquiterpenalkohol, <0,1 % in Rinde), Isopolygodial, Drimenin, Isodrimenin und Drimendiol. Die α,β-ungesättigte Dialdehyd-Struktur (C8–C9) ist für die Bioaktivität essenziell.
Polygodial-Schärfemechanismus: Polygodial aktiviert den TRPA1-Rezeptor (Transient Receptor Potential Ankyrin 1) – einen Kälte- und Reizrezeptor, der sich vom TRPV1 (Capsaicin) und der Piperin-Wirkstelle grundlegend unterscheidet. Zusätzlich hemmt Polygodial die spannungsabhängigen Natriumkanäle NaV1.7 und NaV1.8 (Carvajal et al. 2022), was die charakteristische Taubheit nach dem initialen Schärfestoß erklärt.
Ätherisches Öl (GC-MS, 56–64 Verbindungen): Blattöle werden von Monoterpenen dominiert (30–50 %: α-Pinen, β-Pinen), Rindenöle von Sesquiterpenen (>60 %: γ-Eudesmol bis 39,7 %, Elemol 13,5–25,9 %, β-Caryophyllen bis 33,7 %). Die Zusammensetzung variiert signifikant zwischen Chiloé-Inselpopulationen und kontinentalen Vorkommen.
Analytische Besonderheit: Polygodial ist thermisch labil und fragmentiert unter GC-MS-Bedingungen (Elektronenstoß-Ionisation). Die Substanz erscheint in GC-MS-Chromatogrammen oft nicht, obwohl HPLC hohe Konzentrationen nachweist. Best Practice: HPLC-UV (254 nm) für Polygodial-Quantifizierung, GC-MS nur für das Volatilprofil.
Lignane: Sesamin, Cubebin und Eudesmin – eine Substanzklasse, die auch in Kubebenpfeffer vorkommt. Flavonoide: Taxifolin und Astilbin.
Safrol-Warnung: Das ätherische Öl enthält Safrol, eine Substanz, die von der IARC als möglicherweise kanzerogen (Gruppe 2B) eingestuft wird. Der Schwellenwert liegt bei 0,66 mg/kg Körpergewicht/Tag. Bei normalem kulinarischem Gebrauch (Messerspitze) wird dieser Wert nicht erreicht.
Sensorisches Profil
Fruchtigkeit, Kampfer und eine Schärfe, die taubt
Das sensorische Profil des Chiloé-Pfeffers ist in der Gewürzwelt einzigartig. Die getrockneten Beeren beginnen mit einer süßlich-fruchtigen Note(Brombeere, Wacholder), gefolgt von Kampfer- und Mentholakzenten, bevor eine intensive Schärfe einsetzt, die in eine ungewöhnliche Taubheit übergeht – ein sensorisches Dreistufenprofil, das weder echter Pfeffer noch Chili bieten.
Aroma-Radar
Schärfe-Intensität
Phase 1 – Fruchtigkeit (0–5 Sek.): Beim ersten Kauen entfalten sich süßlich-fruchtige Noten: Brombeere, getrocknete Wacholderbeere, leichte Zitrusakzente. Das Aroma erinnert an einen aromatischen Waldspaziergang – Kiefernharz, feuchte Erde, Kampfer.
Phase 2 – Schärfe (5–15 Sek.): Die Polygodial-Schärfe setzt verzögert ein und steigert sich rapide. Sie ist pfeffrig-brennend, aber mit einer balsamischen, fast mentholartigen Kühlnote unterlegt – ein Paradox, das durch die gleichzeitige TRPA1- und TRPM8-Aktivierung entsteht.
Phase 3 – Taubheit (15–60 Sek.): Die NaV-Kanal-Blockade durch Polygodial erzeugt eine leichte Taubheit der Mundschleimhaut – ähnlich dem "Ma"-Effekt von Szechuanpfeffer (Hydroxy-α-Sanshool), aber weniger intensiv. Dieses Nachlassen der Empfindung unterscheidet den Chiloé-Pfeffer fundamental von Capsaicin (Cayenne) und Piperin (schwarzer Pfeffer).
Visuell: Getrocknete Beeren sind runzelig, rosinengroß, orangebraun bis dunkelbraun. Das Pulver zeigt einen warmen, rotbraunen Ton.
Kulinarische Verwendung
Patagonische Küche und internationale Gourmet-Szene
In der chilenischen Küche ist der Chiloé-Pfeffer seit Jahrhunderten als traditionelles Gewürz der Mapuche und Huilliche verankert. International erlebt er seit den 2010er Jahren einen Boom in der Gourmet-Gastronomie – angetrieben durch die "New Latin Cuisine"-Bewegung und das wachsende Interesse an indigenen Superfoods.
Klassische Anwendungen
- • Ceviche: Frischer Fisch mit Chiloé-Beeren statt schwarzem Pfeffer
- • Curanto: Traditionelles Erdofengericht Chiloés – mit Chiloé-Pfeffer gewürzt
- • Gegrillter Fisch & Meeresfrüchte: Kampfer-Menthol-Noten harmonieren mit Jod
- • Wildgerichte: Ideal für Reh, Hirsch, Wildschwein – balsamische Holznoten
- • Rotwein-Reduktionen: Die Fruchtigkeit der Beeren verstärkt Tanninstrukturen
Gourmet-Techniken
- • Fein hacken: Beeren mit Messer zerkleinern (Mühle zerstört Aromen durch Hitze)
- • Nicht mitkochen: Als Finish verwenden – Polygodial ist thermolabil
- • Desserts: Schokoladentorten, Fruchtmarmeladen, Lebkuchen
- • Saucen: Kalte und warme Saucen, Vinaigrettes, Marinaden
- • Cocktails: Infusion in Pisco für chilenische Cocktails
Thermolabilität beachten: Polygodial zersetzt sich bei Temperaturen über 60–80 °C. Daher den Chiloé-Pfeffer nie mitkochen, sondern immer als Finish über fertige Gerichte geben. Dies ist der fundamentale Unterschied zur Verwendung von Cayennepfeffer (Capsaicin ist hitzestabil bis 200 °C+).
Dosierung: Die Schärfe ist intensiv – 2–3 zerkleinerte Beeren reichen für eine Einzelportion. Die Beeren sind deutlich schärfer als schwarzer Pfeffer, vergleichbar mit Szechuanpfeffer in der Gesamtintensität (aber sensorisch völlig anders).
Rinde vs. Beeren: Die getrocknete Rinde kann als Zimt-Pfeffer-Hybrid verwendet werden – sie liefert eine mildere Schärfe mit stärkeren holzig-zimtigen Noten. Ideal für Slow-Food-Gerichte, Schmorgerichte und Tees.

Food Pairing & Getränke
Meeresfrüchte, Wildgerichte und chilenischer Wein
Das komplexe Dreistufenprofil (fruchtig → scharf → betäubend) macht den Chiloé-Pfeffer zu einem außergewöhnlichen Pairing-Partner, der besonders mit fettreichen Proteinen und aromatischen Weinen harmoniert.
Ideale Partner
- • Lachs & Seeforelle
- • Jakobsmuscheln (sautiert)
- • Rehfilet & Wildbret
- • Entenbrust (rosa gebraten)
- • Ziegenkäse (gereift)
Überraschende Kombis
- • Dunkle Schokolade (75 %+)
- • Feige & Quitte
- • Vanilleeis (als Topping)
- • Rote-Bete-Carpaccio
- • Blauschimmelkäse
Getränke
- • Chilenischer Carmenère
- • Pinot Noir (Patagonien)
- • Pisco Sour mit Chiloé-Infusion
- • Canelo-Rindentee (Mapuche)
- • Craft Beer (IPA, Stout)
Gesundheit & Pharmakologie
Von der Mapuche-Medizin zur modernen Wirkstoffforschung
Drimys winteri ist eine der am intensivsten erforschten Heilpflanzen Südamerikas. Die Mapuche nutzen den Canelo seit Jahrtausenden als Universalmedizin. Moderne Studien (2022–2024) bestätigen ein breites Wirkspektrum der Driman-Sesquiterpene, besonders antimikrobiell und analgetisch.
Antimikrobiell
MIC 8–64 µg/mL
Polygodial vs. multiresistente Keime
Analgetisch
NaV1.7/1.8-Blocker
Schmerzfaser-Hemmung
Antifungal
EC₅₀ 117–175 ppm
vs. Botrytis cinerea
Antimikrobiell (MDPI 2024): Polygodial und verwandte Drimane wurden gegen multiresistente Keime getestet: MIC-Werte von 16 µg/mL gegen E. avium, 32 µg/mL gegen K. pneumoniae, 16 µg/mL gegen P. aeruginosa und 16–64 µg/mL gegen E. coli. Die MBC (minimale bakterizide Konzentration) lag bei 8–32 µg/mL. Wirkmechanismus: Die Aldehyd-Gruppen (C8–C9) fungieren als Wasserstoffbrücken-Akzeptoren und stören die mikrobielle Zellmembranintegrität.
Antifungal: Polygodial zeigt starke Wirkung gegen Candida-Arten (MFC 8–64 µg/mL), Aspergillus spp. und Fusarium spp. Gegen den Pflanzenpathogen Botrytis cinerea (Grauschimmel) lag die EC₅₀ bei 117–175 ppm. In der Aquakultur wurde Aktivität gegen Saprolegnia parasitica(Fisch-Oomyzet) nachgewiesen.
Schmerzforschung (Carvajal 2022): Polygodial inhibiert die spannungsabhängigen Natriumkanäle NaV1.7 und NaV1.8 – Schlüsselkanäle der Schmerzleitung in peripheren Nozizeptoren. Dies macht Polygodial zu einem potenziellen nicht-opioid Analgetikum. Parallel agiert es als TRPA1/TRPV1-Agonist, was die initiale Schärfewirkung erklärt.
Traditionelle Mapuche-Medizin: Canelo-Rinde wird gegen Fieber, Magengeschwüre, Atemwegserkrankungen, Koliken und Verdauungsstörungen eingesetzt. Der hohe Vitamin-C-Gehalt der Rinde (höher als Zitrusfrüchte) machte sie zum effektiven Anti-Skorbut-Mittel.
Insektizid & Bio-Pestizid: Das ätherische Öl zeigt Kontakt- und Fumigant-Toxizität gegen Vorratsschädlinge und Blattläuse. Polygodial wirkt als Antifeedant – es hemmt das Siedlungsverhalten von Blattläusen.
Antiproliferativ: Polygodial-Derivate zeigen zytotoxische Aktivität gegen Melanom-Zellen und Leukämie-Zelllinien (K562, Nalm6) mit IC₅₀-Werten von 3,56–128,91 µM.
Qualitätsmerkmale & Einkauf
Wildsammlungsqualität und Nischenmarkt
Chiloé-Pfeffer ist ein Nischenprodukt ohne standardisierte Qualitätsnormen wie ISO 959 (die nur für echten Pfeffer gelten). Die Qualität hängt stark von der Sammlungspraxis, Trocknung und Lagerung ab. Auf dem europäischen Markt ist er hauptsächlich über spezialisierte Gewürzhändler erhältlich.
Optik
Orangebraun
Runzelig, rosinengroß
Aroma-Test
Kampfer + Frucht
Beim Zerreiben deutlich
Markt
Nischengewürz
30–60 EUR/100 g
Optische Qualität: Premium-Beeren sind intakt, gleichmäßig runzelig, orangebraun bis dunkelbraun. Schwarze oder schimmelige Beeren deuten auf fehlerhafte Trocknung oder Lagerung hin. Die Beeren sollten beim Zusammendrücken leicht nachgeben, aber nicht weich sein.
Aroma-Test: Beim Zerreiben zwischen den Fingern muss ein intensiver Kampfer-Kiefer-Duft mit fruchtigen Untertönen wahrnehmbar sein. Flache, geruchlose Beeren haben ihre Aromastoffe durch Überalterung oder falsche Lagerung verloren.
Schärfe-Test: Eine angebissene Beere muss nach 5–10 Sekunden eine deutliche, steigende Schärfe mit nachfolgender Taubheit erzeugen. Fehlt die Taubheit, könnte es sich um eine andere Drimys-Art oder minderwertiges Material handeln.
Herkunftsangabe: Achten Sie auf "Chiloé, Chile" oder "Patagonia" als Herkunftsbezeichnung. Verwechslungsgefahr besteht mit Tasmanischem Bergpfeffer (Tasmannia lanceolata), der ebenfalls zur Ordnung Canellales gehört, aber eine andere Gattung ist.
Lagerung & Haltbarkeit
Thermolabiles Polygodial erfordert schonende Aufbewahrung
Die Lagerung von Chiloé-Pfeffer erfordert besondere Sorgfalt: Polygodial ist thermisch und oxidativ labil, und die Sesquiterpene des ätherischen Öls verflüchtigen sich schneller als die vergleichsweise stabilen Terpene des echten Pfeffers.
Ganze Beeren
12–18 Monate
Optimales Aromafenster
Lagerung
Kühl, dunkel, trocken
Luftdicht verschlossen
Temperatur
< 18 °C
Kühler als echter Pfeffer
Haltbarkeits-Rechner
Geschätzte optimale Haltbarkeit
48 Monate
Ganze Körner in bernsteinfarbenem Glas
Ganze Beeren: 12–18 Monate bei optimalem Aroma, wenn luftdicht, kühl (<18 °C) und lichtgeschützt gelagert. Nach 18 Monaten beginnt die Polygodial-Konzentration messbar zu sinken, die fruchtigen Noten verflüchtigen sich zuerst.
Gemahlen/gehackt: Maximal 4–6 Monate bei vollem Aroma. Die vergrößerte Oberfläche beschleunigt die Oxidation der Sesquiterpene erheblich. Idealerweise immer ganze Beeren kaufen und erst kurz vor Gebrauch zerkleinern.
Tiefkühlung möglich: Im Gegensatz zu Cayennepfeffer (Verklumpung) lassen sich ganze Chiloé-Beeren gut einfrieren. Die Haltbarkeit verlängert sich auf 2–3 Jahre. Vor Gebrauch nicht auftauen, sondern direkt gefroren zerkleinern.
Rinde: Getrocknete Rindenstreifen sind stabiler als Beeren und halten 18–24 Monate. In Papier oder Leinen wickeln, nicht in Plastik (Schwitzwasser).
Geschichte & kulturelle Bedeutung
Heiliger Baum der Mapuche und Drakes Skorbut-Kur
Der Canelo ist der heiligste Baum des Mapuche-Volkes – Sinnbild für Frieden, Wahrheit und Gerechtigkeit. Seine Geschichte verknüpft indigene Spiritualität mit europäischer Seefahrtsgeschichte und kolonialer Wissensaneignung.
Foye/Canelo in der Mapuche-Kosmologie: Der Canelo repräsentiert die kosmische Achse – seine Wurzeln verbinden die Unterwelt, der Stamm die Erde und die Äste den Himmel. Die kreuzförmig wachsenden Zweige symbolisieren Frieden. Unter dem Canelo dürfen keine Waffen getragen werden und nur die Wahrheit gesprochen werden.
Machi und Foyeweye: Die Machi (Mapuche-Schamanin/Heilerin) nutzt den Canelo als zentrales Element ihrer Praxis. Der Baum wird neben dem Rehue (heiliger Altar) gepflanzt und bei Zeremonien wie dem Guillatún (Gemeinschaftsritual) und Machitún (Heilungsritual) verwendet. Spirituelle Anführer wurden "Foyeweye"(Diener des Foye) genannt.
Symbol der Autorität: Im 16. Jahrhundert trugen Loncos(Stammeshäuptlinge) Stäbe aus Canelo-Holz als Friedenssymbol – sie wurden "Ngen Foye" (Herren des Canelo) genannt.
1578 – Captain John Winter: Während Sir Francis Drakes Weltumseglung landete Captain John Winter in der Magellanstraße. Indigene führten ihn zur Canelo-Rinde als Heilmittel. Winter brachte die Rinde 1580 nach England, wo sie als "Winter's Bark" berühmt wurde – eines der ersten wirksamen Anti-Skorbut-Mittel Europas (hoher Vitamin-C-Gehalt).
1776 – Wissenschaftliche Benennung: Johann Reinhold Forster und sein Sohn Georg benannten die Art Drimys winteri zu Ehren Captain Winters. "Drimys" stammt vom griechischen drimys (scharf, beißend).
Koloniale Wissensauslöschung: Europäische Quellen des 16.–18. Jahrhunderts beschrieben den Canelo als Pfeffer-/Zimtersatz und Skorbut-Mittel, ignorierten aber systematisch das indigene Wissen über seine spirituelle und medizinische Bedeutung. Die Manuskripte von Francisco Núñez de Pineda y Bascuñán und dem Jesuiten Diego de Rosales, die indigene Ethnomedizin dokumentierten, wurden erst Ende der Kolonialzeit veröffentlicht.
Markt, Handel & Wirtschaft
Vom Nischengewürz zum Gourmet-Trend
Chiloé-Pfeffer ist ein reines Nischenprodukt mit minimalem globalem Handelsvolumen – Welten entfernt von den Milliardenmärkten des echten Pfeffers oder Cayennepfeffers. Die Produktion wird auf wenige Tonnen pro Jahr geschätzt und stammt fast ausschließlich aus Wildsammlung.
Preis
30–60 EUR/100 g
Gourmet-Premiumsegment
Produktion
< 10 t/Jahr
Geschätzt, Wildsammlung
Handel
Nischen-Export
Spezialitätenhändler
Vertriebskanäle: Hauptsächlich über spezialisierte Gewürzhändler wie La Compagnie des Poivres (Cofrapep, Frankreich), Terre Exotique und Online-Spezialitätengeschäfte. In Deutschland über ausgewählte Feinkostläden und Online-Shops erhältlich.
Preisvergleich: Mit 30–60 EUR/100 g liegt Chiloé-Pfeffer im oberen Premiumsegment – vergleichbar mit Voatsiperifery (Madagaskar) oder rotem Kampot-Pfeffer, aber deutlich teurer als schwarzer Pfeffer (2–5 EUR/100 g).
Wachstumspotenzial: Die "New Latin Cuisine"-Bewegung, angeführt von Spitzenköchen in Santiago, Buenos Aires und Lima, hat das Interesse an indigenen südamerikanischen Gewürzen massiv gesteigert. Der Trend zu "Terroir-Gewürzen" und "Indigenous Superfoods" könnte die Nachfrage weiter erhöhen.
Ätherisches Öl: Das ätherische Öl von Drimys winteri findet zunehmend Anwendung in der Naturkosmetik und Aromatherapie. Forschungen zur Nutzung als Bio-Pestizid in der Landwirtschaft könnten einen neuen Markt erschließen.
Herausforderung: Die fehlende standardisierte Kultivierung und die Abhängigkeit von Wildsammlung begrenzen die Skalierbarkeit. Erste Domestikationsversuche laufen in Chile, stehen aber noch am Anfang.
Verwechslung & Verfälschungen
Tasmanischer Bergpfeffer und andere Drimys-Verwandte
Die häufigste Verwechslungsgefahr besteht mit dem Tasmanischen Bergpfeffer(Tasmannia lanceolata), der ebenfalls zur Ordnung Canellales gehört und Polygodial als Scharfstoff enthält – aber einer anderen Gattung angehört.
Verwechslungskandidaten
- • Tasmanischer Bergpfeffer: Tasmannia lanceolata (Australien) – gleiche Ordnung, andere Gattung
- • Brasilianischer Drimys: D. brasiliensis – verwandte Art, ähnliche Chemie
- • Kolumbianischer Drimys: D. granadensis – anderes Terpenprofil
- • Rosa Pfeffer: Schinus molle/terebinthifolius – völlig andere Familie (Anacardiaceae)
- • Langer Pfeffer: Piper longum – echter Pfeffer mit Piperin
Unterscheidungsmerkmale
- • Chiloé: Orangebraune, rosinenförmige Beeren, Kampfer + Frucht
- • Tasmanien: Dunkelviolette, glänzende Beeren, süßer Einstieg
- • Rosa: Rosa-rote, glatte Beeren, pfeffrig-süß ohne Taubheit
- • Schärfe-Test: Taubheit = Polygodial (Chiloé/Tasmanien), keine Taubheit = kein Driman
- • Aroma: Chiloé = Kampfer/Kiefer, Tasmanien = Brombeere/Eucalyptus
Geringes Verfälschungsrisiko: Aufgrund des kleinen Marktvolumens und der Nischenpositionierung ist die Verfälschung von Chiloé-Pfeffer weniger verbreitet als bei Massengewürzen. Die Hauptgefahr ist eher die falsche Artzuordnung – Verwechslung mit anderen Drimys-Arten oder dem Tasmanischen Bergpfeffer.
Analytische Unterscheidung: GC-MS des ätherischen Öls erlaubt eine eindeutige Zuordnung: D. winteri zeigt hohe γ-Eudesmol- und Elemol-Anteile, während Tasmannia lanceolata durch Polygodial-Dominanz im EO auffällt. D. granadensis zeigt ein abweichendes Profil mit höheren α-Phellandren-Anteilen.
Safrol-Bedenken: Das ätherische Öl enthält Safrol, das in der EU als Aromastoff limitiert ist (max. 1 mg/kg in Getränken, 2 mg/kg in Lebensmitteln gemäß Verordnung (EG) Nr. 1334/2008). Bei normalem kulinarischem Gebrauch (wenige Beeren pro Portion) werden diese Grenzwerte nicht erreicht.
Nachhaltigkeit & soziale Verantwortung
Waldschutz, indigene Rechte und Bioprospecting
Der Chiloé-Pfeffer steht im Spannungsfeld zwischen wachsendem internationalen Interesse und dem Schutz der valdivianischen Regenwälder sowie der kulturellen Rechte der Mapuche. Die Nachhaltigkeit der Wildsammlung und die gerechte Verteilung der Wertschöpfung sind zentrale Herausforderungen.
Waldschutz: Drimys winteri bedeckt rund 230.000 Hektar in Südchile. Die Wildsammlung der Beeren ist grundsätzlich nicht-destruktiv(Beeren werden geerntet, der Baum bleibt unversehrt). Die Rindengewinnung ist potenziell schädlicher, wenn nicht nachhaltig praktiziert (Gefahr der Ringschälung).
Biodiversitäts-Hotspot: Die valdivianischen Regenwälder gehören zu den 25 globalen Biodiversitäts-Hotspots und sind durch Abholzung, Eukalyptus-Plantagen und Klimawandel bedroht. Eine nachhaltige Gewürzwirtschaft könnte einen ökonomischen Anreiz für den Walderhalt schaffen – nach dem Prinzip "Nutzen statt Roden".
Indigene Rechte & Bioprospecting: Die kommerzielle Nutzung des Canelo-Wissens der Mapuche wirft Fragen des gerechten Vorteilsausgleichs(Access and Benefit Sharing, Nagoya-Protokoll) auf. Das traditionelle Wissen über medizinische und kulinarische Nutzung wurde über Jahrtausende entwickelt und darf nicht ohne Kompensation kommerzialisiert werden.
Domestikation vs. Wildsammlung: Erste Versuche zur Kultivierung existieren, könnten aber den Druck auf Wildbestände reduzieren und gleichzeitig lokale Einkommen schaffen. Mikropropagation (Gewebekultur) wurde erfolgreich erprobt (MDPI Plants 2024), was eine genetisch einheitliche Plantagenkultur ermöglichen könnte.
CO₂-Fußabdruck: Als Nischenprodukt mit Luftfracht-Transport nach Europa ist der CO₂-Abdruck pro Kilogramm hoch. Die Integration in lokale Wertschöpfungsketten (chilenische Gastronomie, Naturkosmetik) wäre ökologisch sinnvoller als der interkontinentale Gewürzhandel.
Quellenverzeichnis
- Arancibia-Radich, J. et al. (2024): Antimicrobial Activity of Drimanic Sesquiterpene Compounds from Drimys winteri against Multiresistant Microorganisms. Molecules 29(12):2844. PMC11206827
- Frontiers in Chemistry (2024): Biological activity of the essential oil of Drimys winteri. Comprehensive Review. PMC11043559
- Paz, C. et al. (2022): The essential oil from Drimys winteri possess activity: Antioxidant, antimicrobial, antiproliferative and chemical composition. Frontiers in Natural Products. DOI: 10.3389/fntpr.2022.958425
- Muñoz-Concha, D. et al. (2007): Presence of polygodial and drimenol in Drimys populations from Chile. Biochemical Systematics and Ecology. ScienceDirect
- Carvajal, F.J. et al. (2022): Polygodial, a drimane sesquiterpenoid dialdehyde purified from Drimys winteri, inhibits voltage-gated sodium channels. PubMed: 35021940
- Sierra, J.R. et al. (2020): Antifungal Effects of Drimane Sesquiterpenoids Isolated from Drimys winteri against Gaeumannomyces graminis var. tritici. PMC7688224
- Zapata, N. et al. (2010): Insecticidal and antifeedant properties of the phytoconstituents of Drimys winteri (Winteraceae) growing in Chiloé Island, Chile. IOMCWORLD Open Access
- Neira, A. et al. (2020): Evaluation of Drimys winteri (Canelo) Essential Oil as Insecticide against Acanthoscelides obtectus and Aegorhinus superciliosus. Insects 11(6):335. MDPI
- Environment & Society Portal (2020): Drimys winteri: Circulation of Environmental Ignorance in European Written Sources (1578–1776). Arcadia Research
- MDPI Plants (2024): Assessment of Phytochemical Composition and Antifungal Activity of Micropropagated Drymis winteri Plants. Plants 14(20):3215
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