Mönchspfeffer
Vitex agnus-castus L. – Der Keuschheitsbaum der Klöster
Der Mönchspfeffer ist der botanische Hochstapler unter den Pfeffergewürzen. Er trägt den "Pfeffer" zwar im Namen und sieht ihm zum Verwechseln ähnlich, doch seine wahre Bestimmung liegt weit abseits der Pfeffermühle – in den Apothekenschränken der Welt. Von antiken Tempeln bis zu mittelalterlichen Klöstern diente er einem besonderen Zweck: der Zähmung der Lust.
Botanische Identität
Lippenblütler statt Pfeffergewächs
Der Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus L.) gehört zur Familie der Lamiaceae (Lippenblütler) – derselben Familie wie Salbei, Rosmarin, Thymian und Lavendel. Er steht in keinerlei Verwandtschaft zu den echten Pfeffern (Piperaceae) und enthält weder Piperin noch Capsaicin. Sein "pfeffriger" Geschmack ist reiner Zufall – erzeugt durch ein völlig anderes Ensemble aus Iridoidglycosiden, Flavonoiden und Diterpenen.
Familie
Lamiaceae
Lippenblütler
Gattung
Vitex
ca. 250 Arten
Kategorie
Pseudo-Pfeffer
Arzneipflanze
Ordnung: Lamiales → Familie: Lamiaceae (früher teils Verbenaceae) → Gattung: Vitex (~250 Arten) → Art: V. agnus-castus L. (1753)
Namensherkunft: Vitex vom lateinischen vieo(flechten/binden) – die biegsamen Zweige wurden für Korbflechterei genutzt. Agnus-castus ist eine Tautologie: griech. agnós (keusch/rein) + lat. castus (keusch) + agnus (Lamm, Reinheitssymbol) = "keusches Lamm" – ein dreifacher Hinweis auf die angeblich lustdämpfende Wirkung.
Wuchsform: Sommergrüner Strauch oder Kleinbaum, 3–5 m hoch (selten bis 8 m). Handförmig zusammengesetzte Blätter mit 5–7 lanzettlichen Teilblättern – ähnlich dem Cannabis-Blatt (eine häufige Verwechslung im Gartenbau!). Stark aromatisch bei Zerreiben.
Blüten: Endständige Rispen, 10–30 cm lang, mit kleinen Lippenblüten in Violett, Blau oder Weiß. Zwei Chemotypen: violettblütig (höherer 1,8-Cineol-Anteil) und weißblütig (höherer Sabinen-Anteil). Blüte: Juni–September, wichtige Bienenweide im Spätsommer.
Frucht: Kleine, runde Steinfrüchte, 3–4 mm Durchmesser, schwarz-braun bei Reife. Sie ähneln optisch echten Pfefferkörnern (daher "Mönchspfeffer"), sind aber botanisch völlig verschieden. Geschmack: bitter-pfeffrig, leicht scharf, herbal.

Herkunft, Terroir & Anbau
Mittelmeer bis Zentralasien
Der Mönchspfeffer ist ein Kind des Mittelmeerraums. Sein natürliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Südeuropa über Nordafrika bis nach Westasien und Zentralasien. Er bevorzugt Flussauen, feuchte Küstengebiete und Überschwemmungsebenen – im Gegensatz zu den tropischen Herkunftsgebieten echter Pfeffer.
Heimat
Mittelmeerraum
S-Europa bis Zentralasien
Klima
Mediterran
Heiße Sommer, milde Winter
Standort
Flussauen
Feuchte, sandige Böden
Natürliches Areal: Portugal, Spanien, Südfrankreich, Italien, Griechenland, Türkei, Kreta, Zypern, Nordafrika (Marokko, Tunesien), Levante, Iran, Afghanistan, Pakistan, bis Nordwestindien und Zentralasien. In Griechenland und der Türkei besonders häufig an Flussmündungen und Küstenebenen.
Anbaugebiete für Pharmazeutik: Kommerzielle Kultivierung hauptsächlich in der Türkei (Ägäis-Region), Marokko, Albanien und Süditalien. Die Pharma-Industrie (v. a. Bionorica/Deutschland, Zeller/Schweiz) bezieht Rohware aus diesen Regionen.
Standortansprüche: Volle Sonne, tiefgründige, sandige bis lehmige Böden. Erstaunlich trockenheitstolerant nach dem Anwachsen (mediterrane Anpassung). Winterhart bis −12 bis −15 °C (USDA Zone 7b), in Mitteleuropa mit Winterschutz kultivierbar.
Zierpflanze: In gemäßigten Klimaten als Zierstrauchgeschätzt für die späte Blüte (Juli–September), die duftenden violetten Rispen und den aromatischen Laub. RHS Award of Garden Merit.

Ernte & Verarbeitung
Vom Klostergarten zur Pharma-Extraktion
Die Verarbeitung von Mönchspfeffer unterscheidet sich fundamental von echtem Pfeffer: Der Hauptverwendungszweck ist nicht kulinarisch, sondern pharmazeutisch. Die Früchte werden zu standardisierten Extrakten verarbeitet, die als pflanzliche Arzneimittel verkauft werden.
Erntezeit
Sept.–Okt.
Reife der Steinfrüchte
Trocknung
< 40 °C
Schonende Warmlufttrocknung
Hauptprodukt
Trockenextrakt
Ze 440, BNO 1095
Pharmazeutische Verarbeitung (Hauptmarkt, ~95 %):
1. Ernte: Reife Steinfrüchte im September–Oktober per Hand oder maschinell geerntet. Die Früchte müssen vollreif (schwarz-braun) sein, da der Gehalt an Wirkstoffen (Agnusid, Casticin) im unreifen Stadium deutlich niedriger ist.
2. Trocknung: Schonende Warmlufttrocknung bei <40 °C auf Restfeuchte <10 %. Höhere Temperaturen zerstören die thermolabilen Iridoidglycoside.
3. Extraktion: Die getrockneten Früchte werden mit Ethanol-Wasser- Gemischen extrahiert (60–70 % Ethanol). Die bekanntesten standardisierten Extrakte sind Ze 440 (Max Zeller, Schweiz) und BNO 1095(Bionorica, Deutschland) – jeweils mit eigener Pflanzenvarietät und Extraktionsmethode.
4. Standardisierung: Typisch auf 0,6 % Agnusid oder zunehmend auf Casticin-Gehalt. Die Variabilität kommerzieller Produkte ist problematisch: Studien zeigen 3–1.272 % Abweichung beim Casticin-Gehalt!
Kulinarische Verwendung (Nische, ~5 %): Die ganzen getrockneten Früchte werden im Feinkosthandel als "Klosterpfeffer" oder "Mönchspfeffer" für die Gewürzmühle angeboten – allerdings als Kuriosität, nicht als Alltagsgewürz.

Chemische Zusammensetzung
Dopamin-Imitatoren statt Piperin
Die Chemie des Mönchspfeffers ist völlig anders als die jedes echten Pfeffers. Statt des Alkaloids Piperin dominieren Iridoidglycoside(Agnusid), polymethoxylierte Flavonoide (Casticin) und Labdan-Diterpene (Vitexilacton, Rotundifuran) – Substanzen, die an Dopamin-D2-Rezeptoren binden und das Hormonsystem beeinflussen.
Standardmarker
Agnusid 0,6 %
Iridoidglycosid
Wirkmarker
Casticin
Polymethoxyliertes Flavonoid
Rezeptorziel
Dopamin-D2
Prolaktin-Suppression
Terpenprofil des ätherischen Öls (GC-MS)
Aroma: Eukalyptus, kühlend, frisch
Aroma: Holzig, pfeffrig, warm
Aroma: Würzig, pfeffrig, holzig
Aroma: Kiefernartig, harzig, frisch
Aroma: Grün, apfelartig, blumig
Aroma: Krautig, pfeffrig, würzig
Iridoidglycoside: Agnusid (Standardisierungsmarker, 0,6 % in Extrakten), Aucubin, Agnucastosid A/B/C, Mussaenosidsäure. Diese Verbindungen gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen und sind für die bittere Geschmackskomponente mitverantwortlich.
Flavonoide: Casticin (5-Hydroxy-3,6,7,4'-tetramethoxyflavon) – das wichtigste Wirkflavonoid mit höherer biologischer Relevanz als Agnusid. Daneben: Vitexin, Orientin, Luteolin, Kaempferol, Penduletin, Apigenin, Quercetin. Casticin ist hochlipophil und überwindet die Blut-Hirn-Schranke.
Labdan-Diterpene: Vitexilacton, Rotundifuran (EC₅₀ 12,8 µM), Viteagnusin I (EC₅₀ 6,6 µM) – die potentesten Dopamin-D2-Agonistender Pflanze. Clerodadienol-Grundgerüst, fast identische D2-Bindung wie Dopamin selbst (Betz et al. 2024).
Dopaminerger Mechanismus: Die Diterpene und Casticin binden an Dopamin-D2-Rezeptoren der laktotropen Zellen der Adenohypophyse. Dies hemmt die Prolaktin-Sekretion über Inhibition von Adenylylcyclase und Inositolphosphat. Resultat: Senkung erhöhter Prolaktinspiegel → Linderung von PMS, Mastodynie und Zyklusstörungen.
Opioiderge Aktivität: Casticin agiert als selektiver δ-Opioidrezeptor-Agonist; andere Flavonoide (Apigenin, Luteolin) binden an µ- und δ-Opioidrezeptoren. Die Petrolether-Fraktion zeigt die höchste µ- und δ-Opioid-Agonist-Aktivität (PMC2993511).
Östrogene Aktivität: Selektiv für ERβ(Östrogenrezeptor β) im Fettgewebe; keine ERα-Aktivierung → kein Endometriumproliferationsrisiko.
Ätherisches Öl: 1,8-Cineol (Eukalyptol) 15–25 %, Sabinen 10–20 %, β-Caryophyllen 8–15 %. Zwei Chemotypen: violettblütig (Cineol-Typ) und weißblütig (Sabinen-Typ). Das Öl liefert den "pfeffrig-kampferartigen" Geruch, hat aber pharmakologisch geringere Bedeutung als die Nicht-Volatilen.
Sensorisches Profil
Bitter-pfeffrig mit medizinischem Unterton
Das sensorische Profil des Mönchspfeffers ist kein kulinarisches Vergnügenim klassischen Sinne. Die Früchte schmecken bitter-pfeffrig mit einem deutlichen medizinisch-kampferartigen Unterton – was erklärt, warum er historisch eher als Arzneimittel denn als Gewürz eingesetzt wurde.
Aroma-Radar
Schärfe-Intensität
Nase: Kampferartig, eukalyptisch-kühl (1,8-Cineol), dahinter krautige Salbei-Lavendel-Noten (Lamiaceae-typisch) und eine leichte pfeffrige Wärme (Sabinen, β-Caryophyllen). Erinnert entfernt an einen Kräutergarten im Hochsommer.
Gaumen: Der erste Eindruck ist Bitterkeit – deutlich stärker als bei echtem Pfeffer. Dahinter eine milde, diffuse Schärfe, die an zerkauten Salbei erinnert. Kein scharfes Brennen (TRPV1-Aktivierung), sondern eher ein herbes Kribbeln. Insgesamt: mehr Arzneimittel als Genussgewürz.
Warum "Pfeffer"? Die optische Ähnlichkeit der kleinen, runden, dunkelbraunen Steinfrüchte mit echten Pfefferkörnern und die leicht pfeffrige Note (β-Caryophyllen) führten zur Namensgebung. Mittelalterliche Mönche verwendeten die Früchte tatsächlich als Pfefferersatz – allerdings weniger aus kulinarischen als aus spirituellen Gründen.
Kulinarische Verwendung
Historischer Pfefferersatz, heute Nischenkuriosität
Die kulinarische Nutzung des Mönchspfeffers ist heute eine absolute Nische. Historisch diente er in Klöstern als Pfefferersatz (oft aus Kostengründen oder mit dem Nebengedanken der Lustzügelung), doch sein bitterer, medizinischer Geschmack konnte echten Pfeffer nie wirklich ersetzen.
Historische Anwendungen
- • Klosterküche: Pfefferersatz für Eintöpfe und Schmorgerichte
- • Würzmischungen: Beimischung zu mittelalterlichen Gewürzmischungen
- • Einlegen: Wie Kapern in Essig eingelegt (grüne Früchte)
- • Likör/Magenbitter: Zutat in Kräuterlikören (Amarotyp)
- • Tee: Aufguss der zerdrückten Früchte als Heiltee
Moderne Experimente
- • Craft Gin: Botanical in modernen Gin-Destillaten
- • Bitterlikör: Zutat in Digestif-Rezepturen
- • Gewürzmühle: Als Kuriosität im Feinkosthandel
- • Kräuterbutter: Sparsam dosiert in Kräutermischungen
- • Wildgerichte: Sparsamst als Geheimzutat in Wildpfeffer-Krusten

Food Pairing & Getränke
Für Experimentierfreudige und Kräuterliebhaber
Die Bitterkeit des Mönchspfeffers macht ihn zu einem schwierigen Pairing-Partner. Er funktioniert am besten in kleinen Dosen als Akzent in Verbindung mit anderen kräftigen Aromen, die seine Herbheit abfangen.
Funktioniert mit
- • Wild (Reh, Hirsch, Wildschwein)
- • Innereien (Leber, Niere)
- • Dunkle Schokolade
- • Kräftiger Hartkäse
- • Bittere Salate (Radicchio)
Synergie-Gewürze
- • Echter schwarzer Pfeffer
- • Wacholder
- • Rosmarin, Thymian (Lamiaceae!)
- • Lorbeer
- • Nelken
Getränke
- • Kräuterlikör (Amaro, Chartreuse)
- • Craft Gin
- • Kräutertee-Mischungen
- • Klosterbiere (Trappist)
- • Grappa Aromatica
Gesundheit & Pharmakologie
Das eigentliche Einsatzgebiet: Frauenheilkunde
Hier liegt die wahre Bedeutung des Mönchspfeffers. Er ist eine der am besten erforschten Heilpflanzen Europas und ein zugelassenes pflanzliches Arzneimittel (Traditional Herbal Medicinal Product, THMP) in der EU. Sein Haupteinsatzgebiet ist die Frauenheilkunde.
PMS-Remission
2,57× vs. Placebo
Meta-Analyse, 520 Frauen
D2-Agonist
EC₅₀ 6,6 µM
Viteagnusin I
Klinische Studien
1.634 Patientinnen
93 % Symptomrückgang
PMS (Prämenstruelles Syndrom): Die Meta-Analyse von Csupor et al. (2019) analysierte 3 hochwertige RCTs (520 Frauen): Frauen unter VAC-Extrakt waren 2,57-mal wahrscheinlicher(95 % CI 1,52–4,35) in Remission als unter Placebo. Eine ältere Meta-Analyse (Verkaik 2017, 14 Studien) zeigte einen großen Effekt (Hedges g = −1,21).
Große Beobachtungsstudie (Loch et al. 2000): 1.634 Patientinnen, 3 Zyklen Behandlung: 93 % berichteten Symptomrückgang oder Symptomfreiheit. 85 % der Ärzte bewerteten die Wirksamkeit als gut/sehr gut. Nebenwirkungen bei nur 1,2 %, keine schweren Ereignisse.
Wirkmechanismus – Dopamin-Prolaktin-Achse: Die Diterpene (Viteagnusin I, Rotundifuran, Clerodadienol) binden an Dopamin-D2- Rezeptoren der laktotropen Zellen → Hemmung der Prolaktin-Sekretion → Normalisierung der Östrogen-Progesteron-Balance. Prolaktin ist ein Schlüsselhormon bei Mastodynie (Brustspannen), Zyklusstörungen und Lutealphasendefekten.
Weitere Indikationen: Mastodynie (Brustschmerzen), leichte Hyperprolaktinämie, Lutealphasendefekte/Infertilität, Zyklusunregelmäßigkeiten, PCOS (unterstützend), menopausale Beschwerden (Hitzewallungen).
Dosierung (Standardextrakt): 20–40 mg Trockenextrakt/Tag (standardisiert auf 0,6 % Agnusid) oder 180 mg Rohdrogenpulver. Wirkungseintritt nach 3–4 Menstruationszyklen – Geduld ist essenziell.
Antioxidativ: Der EtOAc-Extrakt zeigt DPPH-IC₅₀ von 68 µg/mL. Casticin allein: IC₅₀ = 0,049 mM für Lipidperoxidation (vs. Ascorbinsäure IC₅₀ = 0,703 mM) – d. h. 14-fach potenter als Vitamin C.
Anticancer (präklinisch): Agnusid IC₅₀ = 15,99 µg/mL gegen Kolonkarzinom-Zellen (COLO 320 DM). Vitexlactam-Diterpene induzieren Quinonreduktase 1 (QR1) – ein Phase-II-Detoxifikationsenzym der Chemoprävention.
Qualitätsmerkmale & Einkauf
Pharmaqualität vs. Gewürzqualität
Beim Mönchspfeffer unterscheidet sich die Qualitätsbeurteilung grundlegend je nach Verwendungszweck: pharmazeutisch (standardisierter Extrakt) oder kulinarisch (ganze Früchte).
Pharma-Standard
Agnusid ≥ 0,6 %
THMP-zugelassen
Qualitätsproblem
3–1.272 %
Casticin-Variabilität
Gewürzqualität
Nischenprodukt
5–15 EUR/100 g
Pharmazeutisch (Hauptmarkt): Nur auf klinisch geprüfte Extrakte setzen: Ze 440 (Zeller, Schweiz) oder BNO 1095 (Bionorica, Deutschland). Die Ergebnisse eines Extrakts sind nicht auf andere übertragbar, da Pflanzenvarietät und Extraktionsmethode das Wirkstoffprofil massiv beeinflussen.
Qualitätsproblem: Studien zeigen eine erschreckende Variabilität kommerzieller Nahrungsergänzungsmittel: Agnusid-Gehalt schwankt um den Faktor 360, Casticin um den Faktor 400+. Viele Produkte enthalten zu wenig oder die falschen Marker-Substanzen.
Kulinarisch (Nische): Ganze, getrocknete Früchte aus dem Feinkosthandel. Auf dunkle, gleichmäßige Farbe und aromatischen Geruch (kampfer-kräuterig) beim Zerdrücken achten. Preis: 5–15 EUR/100 g – deutlich günstiger als exotische Pseudo-Pfeffer.
Lagerung & Haltbarkeit
Getrocknete Früchte und Fertigpräparate
Die Lagerung betrifft sowohl die ganzen Früchte (Gewürzform) als auch pharmazeutische Präparate (Tabletten, Kapseln, Tinkturen).
Ganze Früchte
2–3 Jahre
Aromafenster
Extrakt/Kapseln
2–3 Jahre
Lt. Hersteller-MHD
Lagerung
Kühl, trocken
< 25 °C, lichtgeschützt
Haltbarkeits-Rechner
Geschätzte optimale Haltbarkeit
48 Monate
Ganze Körner in bernsteinfarbenem Glas
Geschichte & kulturelle Bedeutung
Von der Thesmophoria zum Klostergarten
Die Geschichte des Mönchspfeffers ist eine 4.000-jährige Reise durch Tempel, Apotheken und Klöster – eine Geschichte, in der Fruchtbarkeit, Keuschheit und Frauenheilkunde auf faszinierende Weise verflochten sind.
8.–6. Jh. v. Chr. – Archaisches Sparta: Der Keuschbaum war Teil des Kults um Artemis Orthia – der Göttin der Jagd, Jungfräulichkeit und Geburtshilfe. In spartanischen Tempeln wurden Zweige als Opfergaben niedergelegt.
5. Jh. v. Chr. – Thesmophoria-Festival: Beim wichtigsten Fruchtbarkeitsfest zu Ehren von Demeter und Persephone legten athenische Frauen Keuschbaumblätter auf ihre Betten, um "ihre Keuschheit zu bewahren". Der Baum war auch Hera (Göttin der Ehe) geweiht – Fundstücke am Heraion von Samos belegen dies.
450 v. Chr. – Hippokrates: Empfahl Mönchspfeffer bei Verletzungen, Entzündungen, vergrößerter Milz und zur Ausstoßung der Plazenta nach der Geburt. Die erste dokumentierte medizinische Anwendung.
1. Jh. n. Chr. – Dioskurides & Plinius: Dioskurides dokumentiert in De Materia Medica: fördert Menstruation, löst Embryonen, stimuliert Milchfluss. Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) bestätigt die Nutzung zur Menstruationsförderung und Fiebersenkung.
Mittelalter – Klostermedizin: Die deutsche Bezeichnung "Mönchspfeffer" entstand in dieser Epoche. Mönche kauten die getrockneten Beeren oder streuten sie in ihre Schlafgemächer, um fleischliche Begierden zu unterdrückenund das Keuschheitsgelübde einzuhalten. Sie dienten gleichzeitig als günstiger Pfefferersatz in der Klosterküche.
1582 – Lonicerus: Der deutsche Botaniker dokumentiert erstmals die menstruationsfördernde Wirkung systematisch.
20. Jahrhundert – Phytopharmazie: Die wissenschaftliche Erforschung beginnt. Identifizierung der Dopamin-D2-Rezeptorbindung in den 1990er Jahren. Entwicklung standardisierter Extrakte (Ze 440, BNO 1095). Große klinische Studien (Loch 2000: 1.634 Patientinnen). EU-Zulassung als Traditional Herbal Medicinal Product (THMP).
Markt, Handel & Wirtschaft
Pharmamarkt statt Gewürzhandel
Der Mönchspfeffermarkt ist ein Pharma- und Supplement-Markt, kein Gewürzmarkt. Das Marktvolumen wird durch pflanzliche Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel für Frauengesundheit bestimmt.
Marktsegment
Phytopharma
Frauen-Gesundheit
Hauptmärkte
DE, CH, AT
+ USA, Australien
Leitprodukte
Ze 440 / BNO 1095
Klinisch geprüft
Pharmazeutische Hersteller: Die beiden wichtigsten klinisch geprüften Extrakte stammen von Max Zeller Söhne AG (Schweiz, Ze 440, Marke Agnolyt®/Prefemin®) und Bionorica SE (Deutschland, BNO 1095, Marke Agnucaston®). Diese Unternehmen kontrollieren den Qualitätsmarkt.
Nahrungsergänzungsmittel: Ein wachsendes Segment, insbesondere in den USA, UK und Australien. Allerdings mit erheblichen Qualitätsproblemen: viele Produkte sind nicht nach dem gleichen Standard hergestellt wie die pharmazeutischen Extrakte.
Rohstofflieferanten: Türkei (Ägäis), Marokko, Albanien und Süditalien. Wildsammlung und zunehmend Plantagenanbau.
Gewürzmarkt (Nische): Als "Klosterpfeffer" oder "Mönchspfeffer" im Feinkosthandel erhältlich, typischerweise 5–15 EUR/100 g. Volumenmäßig vernachlässigbar im Vergleich zum Pharmamarkt.
Verwechslung & Sicherheit
Cannabis-Blätter und Hormoninteraktionen
Die häufigsten Verwechslungen betreffen die optische Ähnlichkeit der Blätter mit Cannabis und der Früchte mit echtem Pfeffer. Wichtiger sind jedoch die pharmakologischen Vorsichtsmaßnahmen.
Optische Verwechslung – Blätter: Die handförmig zusammengesetzten Blätter mit 5–7 lanzettlichen Teilblättern werden regelmäßig mit Cannabis verwechselt. Unterscheidung: Mönchspfeffer hat gegenständige Blätter (Cannabis wechselständig), grau-filzige Blattunterseite (Cannabis grün) und stark aromatischen Geruch (Kampfer statt Cannabis-typisch).
Optische Verwechslung – Früchte: Die kleinen, runden, schwarzbraunen Steinfrüchte ähneln schwarzem Pfeffer. Unterscheidung: Mönchspfeffer hat eine glattere Oberfläche (nicht runzelig wie Pfeffer), schmeckt bitter (nicht scharf) und hat einen kampferartigen Geruch.
Kontraindikationen:
- Schwangerschaft und Stillzeit (Prolaktin-Modulation)
- Hormonsensitive Krebserkrankungen (Brust, Uterus, Ovarien)
- IVF-Behandlungen (Hormoninterferenz)
- Gleichzeitige Einnahme von Dopamin-Agonisten (Levodopa, Bromocriptin)
- Dopamin-Antagonisten (Domperidon, Antipsychotika)
- Hormonelle Kontrazeptiva und HRT (potenzielle Interaktion)
Nebenwirkungen (selten): Übelkeit, Kopfschmerzen, GI-Beschwerden, Zyklusveränderungen, Müdigkeit, Hautreaktionen. In 94 % der Fälle als gut/sehr gut verträglich bewertet.
Nachhaltigkeit & Ökologie
Robuster Wildstrauch mit ökologischem Wert
Im Gegensatz zu tropischen Pfefferarten hat der Mönchspfeffer einen geringen ökologischen Fußabdruck. Als heimische mediterrane Art wächst er in Europa ohne tropischen Import, ohne Bewässerung und ohne intensive Landwirtschaft.
Bienenweide: Mönchspfeffer blüht im Spätsommer (Juli–September), wenn viele andere Nektarquellen bereits versiegt sind. Er ist eine wichtige Bienenweide und Nahrungsquelle für Schmetterlinge und andere Bestäuber in mediterranen und gemäßigten Klimaten.
Trockenresistenz: Einmal etabliert, benötigt Mönchspfeffer keine Bewässerung – eine wichtige Eigenschaft angesichts zunehmender Wasserknappheit im Mittelmeerraum. Er toleriert Hitze, Wind und nährstoffarme Böden.
Wildsammlung vs. Kultivierung: Für die Pharma-Industrie wird sowohl wild gesammelt als auch kultiviert. Wildsammlung aus natürlichen Flussauen-Beständen ist bei nachhaltiger Praxis ökologisch unbedenklich, da der Strauch schnell nachwächst und in seinen Heimatgebieten häufig ist.
Kurze Transportwege: Da die Hauptanbaugebiete in Europa liegen (Mittelmeerraum), sind die Transportwege für den europäischen Pharmamarkt deutlich kürzer als bei tropischen Gewürzen.
Invasivitätsrisiko: In einigen Regionen außerhalb seines natürlichen Areals (z. B. Teile der USA, Australien) kann Mönchspfeffer invasiv werden. In Europa ist dies kein Problem.
Quellenverzeichnis
- Csupor, D. et al. (2019): Vitex agnus-castus in premenstrual syndrome: A meta-analysis of double-blind randomised controlled trials. Complementary Therapies in Medicine. PubMed: 31780016
- Verkaik, S. et al. (2017): The treatment of premenstrual syndrome with preparations of Vitex agnus castus: a systematic review and meta-analysis. American Journal of Obstetrics & Gynecology. PubMed: 28237870
- Loch, E.G. et al. (2000): Treatment of premenstrual syndrome with a phytopharmaceutical formulation containing Vitex agnus castus. J Women's Health Gend Based Med. PubMed: 10787228
- Betz, J.M. et al. (2024): Vitex agnus castus Extract Ze 440: Diterpene and Triterpene's Interactions with Dopamine D2 Receptor. Int J Mol Sci25(21):11456. MDPI/PMC11547015
- Wuttke, W. et al. (2003): Chaste tree (Vitex agnus-castus) – Pharmacology and clinical indications. Phytomedicine. PubMed: 12809367
- Webster, D.E. et al. (2011): Opioidergic mechanisms underlying the actions of Vitex agnus-castus L. Biochemical Pharmacology 81(1):170–177. PMC2993511
- Stojković, D. et al. (2020): Vitex agnus-castus L.: Main Features and Nutraceutical Perspectives. Forests 11(7):761. MDPI
- Frontiers in Endocrinology (2023): Vitex agnus castus effects on hyperprolactinaemia. PMC10702745
- Li, S.H. et al. (2013): Compounds from the Fruits of Vitex agnus-castus in Chemoprevention via NADP(H):Quinone Oxidoreductase Type 1 Induction. PMC3638617
- NCCIH (National Center for Complementary and Integrative Health): Chasteberry: Usefulness and Safety. nccih.nih.gov
Mönchspfeffer verstehen
Der Mönchspfeffer ist kein Gewürz, sondern eine Arzneipflanze mit 4.000 Jahren Geschichte. Sein Einsatzgebiet liegt in der Frauenheilkunde – PMS, Zyklusstörungen, Mastodynie. Als Gewürz ist er eine Kuriosität für Experimentierfreudige. Achten Sie bei pharmazeutischer Nutzung auf klinisch geprüfte Extrakte (Ze 440, BNO 1095).
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