Wasserpfeffer
Persicaria hydropiper (L.) Delarbre – Japans geheimes Gewürz der Flüsse
Der Wasserpfeffer ist ein botanischer Rebell an der Schnittstelle von Gewürz, Wildkraut und Arzneipflanze. In Japan als Tade (蓼) verehrt, liefert er mit seinem Scharfstoff Polygodial – einem Sesquiterpen-Dialdehyd – eine einzigartige Schärfe, die nicht brennt wie Chili, sondern prickelnd-elektrisch vibriert wie ein leiser Stromschlag auf der Zunge. Als Mitglied der Knöterichgewächse(Polygonaceae) ist er kein echter Pfeffer, sondern ein Überlebenskünstler der Feuchtgebiete, dessen Blätter seit über tausend Jahren die japanische Kaiseki-Küche bereichern – als Tade-zu, die legendäre Wasserpfeffer-Essig-Sauce zum gegrillten Süßwasserfisch Ayu.
Botanische Identität
Polygonaceae – Knöterichgewächse, Verwandte von Buchweizen und Rhabarber
Der Wasserpfeffer (Persicaria hydropiper (L.) Delarbre, Synonym: Polygonum hydropiper L.) gehört zur Familie der Polygonaceae (Knöterichgewächse) innerhalb der Ordnung Caryophyllales. Damit ist er ein Verwandter des Buchweizens (Fagopyrum esculentum), des Rhabarbers (Rheum rhabarbarum), des Sauerampfers (Rumex acetosa) und des Japanischen Staudenknöterichs (Reynoutria japonica). Er hat keinerlei verwandtschaftliche Beziehung zu den echten Pfeffergewächsen (Piperaceae) – sein Name ist eine rein sensorische Analogie aufgrund seiner Schärfe.
Familie
Polygonaceae
Knöterichgewächse
Wuchsform
Einjähriges Kraut
20–70 cm, aufrecht
Kategorie
Pseudo-Pfeffer
Polygodial statt Piperin
Ordnung: Caryophyllales → Familie: Polygonaceae → Gattung: Persicaria (~150 Arten) → Art: Persicaria hydropiper (L.) Delarbre.
Synonyme: Polygonum hydropiper L. (älterer, weit verbreiteter Name), Persicaria hydropiper var. fastigiata(japanische Kulturform "Yanagi-tade"). Die Gattungszuordnung schwankt zwischen Polygonum und Persicaria – in der modernen Taxonomie wird Persicaria bevorzugt (Huq et al. 2014, PMID: 24834098).
Namensherkunft: Wasserpfeffer – wegen des Standorts an Gewässern und der pfefferartigen Schärfe. Lateinisch: hydropiper von griech. hydōr (Wasser) + lat. piper (Pfeffer). Japanisch: Tade (蓼, auch Yanagi-tade 柳蓼 = "Weidenpfeffer" wegen der weidenähnlichen Blattform). Englisch: Water Pepper, Marshpepper Knotweed, Smartweed("kluges Kraut" – weil es den Gaumen "klug" macht durch seine Schärfe). Chinesisch: 辣蓼 (Là liǎo, "scharfer Knöterich").
Wuchsform: Einjähriges, krautiges Sumpfgewächs, 20–70 cm hoch, mit aufrechtem bis aufsteigendem, knotig gegliedertem Stängel (typisch für Polygonaceae – "poly-gonu" = viele Knie/Knoten). Die Stängel sind grün bis rötlich gefärbt, an den Knoten verdickt und von charakteristischen Ochreae (häutige Tuten) umgeben – ein Erkennungsmerkmal der Familie. Die Ochreae des Wasserpfeffers sind spärlich bewimpert bis kahl(wichtig zur Unterscheidung von verwandten Arten).
Blätter: Wechselständig, lanzettlich, 5–10 cm lang, 1–2,5 cm breit, am Rand glatt oder leicht wellig. Oberfläche kahl bis leicht behaart, mit durchscheinenden Drüsenpunkten (Öldrüsen, die Polygodial enthalten – beim Zerreiben tritt die Schärfe hervor). Die japanische Kulturform Beni-tade (紅蓼) hat charakteristische rot-grün marmorierte Keimblätter, die als Mikrogrün/Sprossen geerntet werden.
Blüten: Kleine, 3–4 mm große Blüten in schlanken, überhängenden Ähren (Trauben), die der Pflanze ein elegantes Aussehen verleihen. Blütenfarbe: weiß bis rosa-grünlich, mit charakteristischen gelben Drüsenpunkten auf den Tepalen (Blütenhüll- blättern). Blütezeit: Juli–Oktober. Bestäubung durch Insekten und Selbstbestäubung.
Frucht: Dreikantige, dunkelbraun bis schwarze Nussfrüchte (Achänen), 2–3 mm lang. Sie können jahrelang keimfähig im Boden überdauern (Frostkeimer – benötigen Kälteperiode zur Keimung). Die Samen sind ebenfalls scharf, sogar intensiver als die Blätter.
Ökologische Nische: P. hydropiper ist ein Feuchtgebietsspezialist: Er wächst an Ufern von Bächen, Flüssen, Teichen, Gräben, in Nasswiesen, Auenwäldern und periodisch überschwemmten Flächen. Er toleriert temporäre Überflutung und leichten Schatten. In Japan und Europa ein häufiges "Unkraut" – in der Gourmetküche ein geschätztes Wildkraut.

Herkunft, Terroir & Anbau
Von europäischen Flussufern bis zu Japans Kaiseki-Gärten
Der Wasserpfeffer hat eines der größten natürlichen Verbreitungsgebiete aller Pseudo-Pfeffer: Er kommt ursprünglich in der gesamten gemäßigten und subtropischen Zone Eurasiens vor und hat sich als Neophyt nach Nordamerika, Australien und Neuseeland ausgebreitet. Seine kulinarische Heimat ist jedoch Japan, wo er seit über tausend Jahren kultiviert wird.
Ursprung
Eurasien
Europa, Asien – weltweit verbreitet
Kulinarisches Zentrum
Japan
Tade – seit über 1.000 Jahren
Habitat
Feuchtgebiete
Flüsse, Teiche, Nasswiesen
Japan – Das kulinarische Herzland: In Japan wird Tade (蓼) seit der Heian-Zeit (794–1185 n. Chr.) als Gewürz- und Zierpflanze kultiviert. Die Kultivierung konzentriert sich auf die Region Kansai (Kyoto, Osaka, Nara) und Kantō (Tokyo-Ebene), wo er in speziellen Wassergärten oder an Teichrändern angebaut wird. Die japanische Kulturform Yanagi-tade(P. hydropiper var. fastigiata) ist aufrechter, buschiger und etwas milder als die europäische Wildform. Für Beni-tade (紅蓼, Rotblatt-Sprossen) werden Samen in Gewächshäusern ganzjährig als Mikrogrün gezogen.
Europa – Wildkraut der Flussauen: In Mittel- und Westeuropa ist P. hydropipereine weit verbreitete heimische Pflanze. Er wächst wild an Flussufern, Gräben, feuchten Waldrändern und Nasswiesen – von Skandinavien bis zum Mittelmeer. In Deutschland ist er in allen Bundesländern verbreitet, wird aber kulinarisch kaum genutzt (im Gegensatz zu Japan). Historisch diente er als Pfefferersatz in Zeiten, als echterPfeffer unbezahlbar war.
China – Traditionelle Medizin: In China als Là liǎo (辣蓼) bekannt, wird P. hydropiperprimär in der Traditionellen Chinesischen Medizinverwendet. Standorte: feuchte Flusstäler in Süd- und Zentralchina (Anhui, Jiangsu, Hubei, Sichuan). Auch als Gewürz in einigen Regionalküchen (Hunan, Guizhou).
Weitere Verbreitung: Korea(Yeo-gwi, 여귀 – medizinisch), Südostasien(Vietnam, Thailand – als Wildkraut), Indien(Assam, Bengalen – Volksmedizin, Siddha-Medizin), Nordamerika (eingebürgert, als "Smartweed" bekannt), Australien/Neuseeland(invasiver Neophyt).
Terroir-Einfluss: Die Schärfe des Wasserpfeffers variiert stark je nach Standort:
- Halbschattige Flussufer, feuchter Lehmboden:Höchster Polygodial-Gehalt → maximale Schärfe
- Sonnige, trockene Standorte:Niedrigerer Polygodial-Gehalt, aber höherer Flavonoid-Gehalt (bitterer Geschmack dominiert)
- Nährstoffreiche Böden (Stickstoff-überschuss):Üppigeres Wachstum, aber verdünnte Sekundärmetabolite → weniger Schärfe pro Gramm
- Japanische Kulturformen: Gezielt auf ausgewogene Schärfe und guten Wuchs selektiert
Anbau: Der Anbau ist unkompliziert: Samen im Herbst oder Frühjahr (nach Kältestratifizierung) auf feuchtem, humosem Boden aussäen. Standort: halbschattig bis sonnig, immer feucht halten (Teichrand, Bachrand, Regenwassergraben ideal). Die Pflanze sät sich reichlich selbst aus und kann in feuchten Gärten sogar invasiv werden.

Ernte & Verarbeitung
Frische Blätter – die Flüchtigkeit des Polygodials respektieren
Im Gegensatz zu den meisten Gewürzen dieses Ratgebers wird Wasserpfeffer primär frisch verwendet – als Blatt, Spross oder Paste. Sein Hauptscharfstoff Polygodial ist ein reaktiver Sesquiterpen-Dialdehyd, der beim Trocknen und Erhitzen schnell an Wirksamkeit verliert.
Ernte
Juni–Oktober
Blätter vor der Blüte optimal
Beni-tade
Ganzjährig
Sprossen nach 7–14 Tagen
Verarbeitung
Frisch verwenden
Polygodial = flüchtig
Blatternte – Timing ist alles: Die jungen Blätter und Triebspitzen (obere 10–15 cm) werden von Juni bis Oktober geerntet. Der optimale Zeitpunkt ist kurz vor der Blüte (Juli–August), wenn der Polygodial-Gehalt am höchsten ist. Ältere Blätter sind weniger scharf und faserig. Ernte am besten morgens nach dem Abtrocknen des Taus – die ätherischen Öle sind dann am konzentriertesten.
Beni-tade – Japanisches Mikrogrün: Die berühmten rot-grünen Sprossen (Beni-tade, 紅蓼) werden in Japan ganzjährig in Gewächshäusern als Mikrogrün produziert:
- Aussaat auf feuchtem Substrat (Kokosfaser, Vermiculit)
- Keimung bei 20–25 °C, dunkel (3–5 Tage)
- Belichtung nach Keimung (12–16 Stunden)
- Ernte nach 7–14 Tagen als Keimling mit Kotyledonen (Keimblättern)
- Die Keimlinge sind intensiv scharf und haben die charakteristische rot-violette Pigmentierung (Anthocyane)
Tade-zu-Herstellung (japanische Tradition):
- Frische Yanagi-tade-Blätter im Suribachi(japanischer Reibemörser) mit einer Prise Salz zu einer feinen grünen Paste zerreiben
- Gekochten, gestampften Klebreis als Bindemittel unterrühren
- Mit Reisessig und ggf. Mirin (süßer Reiswein) zu einer sämigen Sauce verrühren
- Sofort servieren oder kurz kühl stellen (max. 1–2 Tage)
Trocknung – Kompromiss mit Aromaeinbuße: Das Trocknen von Wasserpfeffer ist möglich, aber Polygodial zersetzt sich teilweise durch Oxidation und Hitze. Schonende Trocknung bei max. 35 °C (Dörrautomat, Lufttrocknung im Schatten) bewahrt einen Teil der Schärfe. Getrocknetes Wasserpfefferkraut hat 50–70 % weniger Schärfe als frisches. Es wird hauptsächlich für Tee-Zubereitungen und Tinkturen verwendet (Volksmedizin).
Extraktion – Für kommerzielle Anwendungen:Polygodial wird industriell durch Ethanol-/n-Hexan- Zweistufenextraktion gewonnen. Standardisierte Wasserpfefferextrakte (WPE) enthalten ca. 7 % Polygodial. Hydrodestillation im Clevenger-Apparat liefert das ätherische Öl (ca. 0,5 % der Frischpflanze).
Samen – Die vergessene Schärfequelle: Die kleinen, schwarzen, dreikantigen Samen sind noch schärfer als die Blätter – fast betäubend. Sie werden traditionell kaum kulinarisch genutzt, könnten aber als Pfefferersatz interessant sein (getrocknet und gemahlen).

Chemische Zusammensetzung
Polygodial (Tadeonal) – ein Sesquiterpen-Dialdehyd als Scharfstoff
Das chemische Profil des Wasserpfeffers ist einzigartig unter den Pseudo-Pfeffern: Sein Scharfstoff ist weder ein Alkylamid (wie bei Szechuanpfeffer), noch ein Alkaloid (wie Piperin), noch ein Vanilloid (wie Capsaicin) – sondern ein Driman-Sesquiterpen- Dialdehyd namens Polygodial (= Tadeonal). Dieser einzigartige Molekültyp aktiviert den Schmerzrezeptor TRPV1 ähnlich wie Capsaicin, erzeugt aber ein qualitativ anderes Mundgefühl.
Scharfstoff
Polygodial
C₁₅H₂₂O₂, Driman-Dialdehyd
Wirkmechanismus
TRPV1 + TRPA1
Vanilloid-ähnlich
Ätherisches Öl
~0,5 % Frischpflanze
169+ flüchtige Verbindungen
Terpenprofil des ätherischen Öls (% nach GC-MS)
Aroma: Würzig, holzig, pfeffrig, warm
Aroma: Grün-fruchtig, apfelartig
Aroma: Holzig, erdig, hopfenartig
Aroma: Mild blumig, balsamisch
Aroma: Holzig, blumig, frisch
Aroma: Kiefernartig, frisch, harzig
Aroma: Kiefernartig, holzig, trocken
Aroma: Eukalyptusartig, campherartig
Polygodial (= Tadeonal) – Der Schlüsselmetabolit:
- Strukturtyp: Bicyclischer Driman- Sesquiterpen-Dialdehyd (C₁₅H₂₂O₂, MW 234,33 g/mol) mit einer ungesättigten 1,4-Dialdehyd- Funktionalität – hochreaktiv gegenüber nukleophilen Aminosäure-Seitenketten (Cystein, Lysin)
- Erstbeschreibung: Barnes & Loder, 1962, Australian Journal of Chemistry 15:322–327
- Konzentration: Blüten: ~6,2 mg/g Frischgewicht (höchste Konzentration, post- Fertilisation); Blätter: ~10× niedrigerals Blüten. Samen: ebenfalls hoch konzentriert (Prota et al. 2014, PMID: 25453911)
- Biosynthese: In spezialisierten Sekretzellen der Blattdrüsen (Öldrüsen). Benötigt funktionsfähige Plastiden und spezialisierte Hohlräume zur Akkumulation (Hagendoorn et al. 1994)
- TRPV1-Aktivierung: Polygodial wirkt als Vanilloid-Rezeptor-Agonist – es bindet an den TRPV1-Rezeptor (Capsaicin-Rezeptor) und löst ein Schärfesignal aus. Zusätzlich aktiviert es TRPA1. Im Unterschied zu Capsaicin: die Bindung ist kovalent und langsamer reversibel (über die Dialdehyd-Reaktion mit Proteinresten), daher die "anhaltende, aber saubere" Schärfe (André et al. 1999, DOI: 10.1016/S0014-2999(98)00514-7)
Verwandte Driman-Sesquiterpenoide:
- Warburganal: Weiterer scharfer Sesquiterpen-Dialdehyd, auch antimikrobiell wirksam
- Polygonal: Strukturanalog mit ähnlichen Eigenschaften
- Isodrimenin, Drimenol, Confertifolin:Driman-Sesquiterpenoide mit antimikrobieller Aktivität (MIC 0,39–125 µg/mL, Ayaz et al. 2020, PMID: 31884037)
Ätherisches Öl – 169+ flüchtige Verbindungen:Aus P. hydropiper wurden insgesamt 324 Verbindungen isoliert, davon 169 flüchtige Öl-Komponenten, 75 Terpenoide, 40 Flavonoide und 19 organische Säuren. Das ätherische Öl (ca. 0,5 % der Frischmasse) enthält als Hauptkomponenten:
- β-Caryophyllen (9–23 %): Würzig-holziges Sesquiterpen, CB2-Rezeptor-Agonist(anti-inflammatorisch). In manchen Proben als Hauptkomponente identifiziert (Ayaz et al. 2015, PMID: 26530857)
- (E)-β-Farnesen (15–44 %): Grün-fruchtiges Sesquiterpen, dominant in japanischen Sprossen-Proben (Miyazawa 2007)
- α-Humulen (5–7 %): Holzig, erdig – Isomer des β-Caryophyllen, synergistisch anti-kanzerogen (Legault & Pichette 2007, PMID: 18053325)
- Phytol (5–11 %): Diterpenalkohol, Abbauprodukt des Chlorophylls
- Monoterpene: α-Pinen, β-Pinen, 1,4-Cineol, Fenchon – in geringeren Anteilen
- trans-β-Bergamoten: Sesquiterpen mit Bergamotte-artigem Aroma (interessante Parallele zum Tirphal!)
Flavonoide:
- Rutin (Quercetin-3-rutinosid):Hauptflavonoid, antioxidativ, gefäßschützend
- Isoquercitrin, Quercetin, Kaempferol-Glykoside:Bitterer Geschmack, antioxidativ
- Sulfatierte Flavonoide: Einzigartig für Persicaria – selten in der Pflanzenwelt
Isocumarine: Polygonolid – ein bioaktives Isocumarin mit anti-inflammatorischer Wirkung.
Phenylpropanoide: Hydropiperosid– ein Cumarylglykosid, spezifisch für P. hydropiper.
Vergleich der Scharfstoffe:
| Merkmal | Polygodial | Piperin | Capsaicin | Sanshool |
|---|---|---|---|---|
| Quelle | Wasserpfeffer | Echter Pfeffer | Chili | Szechuanpfeffer |
| Chemie | Sesquiterpen-Dialdehyd | Alkaloid | Vanilloid | Alkylamid |
| Rezeptor | TRPV1 + TRPA1 | TRPV1 + TRPA1 | TRPV1 | TRPV1 + TRPA1 + KCNK |
| Mundgefühl | Prickelnd-elektisch | Warm-beißend | Brennend-heiß | Betäubend-kribbelnd |
| Haltbarkeit | Flüchtig (Tage) | Sehr stabil (Jahre) | Stabil (Monate) | Mäßig stabil |
Sensorisches Profil
Prickelnd-elektrische Schärfe mit grün-krautiger Frische
Sensorisch ist der Wasserpfeffer ein leiser Schock: Beim Kauen eines Blattes entfaltet sich zunächst ein frischer, grün-krautiger Geschmack, gefolgt von einer Schärfe, die nicht brennt, sondern vibriert – wie ein feines Kribbeln, das die Zunge elektrisiert. Kenner vergleichen es mit einem Mix aus Wasabi und Szechuanpfeffer, aber mit einer eigenen, subtileren Signatur.
Aroma-Radar
Schärfe-Intensität
Visuell – Frische Blätter: Lanzettliche, dunkelgrüne Blätter (5–10 cm) mit glattem Rand und sichtbaren durchscheinenden Öldrüsen (im Gegenlicht: helle Punkte im Blattgewebe). Stängel grün bis rötlich, mit markanten Ochreae (Tuten) an den Knoten. Beni-tade-Sprossen: 2–3 cm lange Keimlinge mit intensiv rot-violetten Kotyledonen(Anthocyanfärbung) auf weißem Hypokotyl – ein dramatischer visueller Akzent auf Sashimi.
Nase – Frisches Blatt: Beim Zerreiben: zunächst frisch-grün, krautig (wie eine Mischung aus Kresse und grünem Pfeffer), dann zunehmend würzig-pfeffrig mit einem leicht kampferartigen Unterton(β-Caryophyllen, α-Humulen). Im Hintergrund: eine subtile holzig-erdige Wärme. Kein scharfer Geruch – die Schärfe des Polygodials ist kaum olfaktorisch wahrnehmbar (es ist ein Geschmacks-, kein Duft-Scharfstoff).
Gaumen – Dreiphasiges Erlebnis:
- Auftakt (0–5 Sek.): Frischer, grün-pfeffriger Geschmack mit leichter Bitterkeit (Flavonoide). Noch keine Schärfe – wie Rucola oder Brunnenkresse.
- Onset (5–15 Sek.): Das Prickeln beginnt. Zunächst auf der Zungenspitze, dann am Gaumen. Kein Brennen wie bei Chili, kein Betäuben wie bei Szechuanpfeffer – sondern ein vibrierendes, elektrisches Kribbeln, als ob die Zunge leicht unter Strom stünde. Die Speichelproduktion steigt merklich.
- Finish (1–8 Min.): Die Schärfe klingt sauber und schnell ab – kein Nachbrennen, kein metallischer Nachgeschmack. Es bleibt ein frischer, fast mentholartiger Eindruck. Der Mundraum fühlt sich gereinigt und erfrischt an.
Vergleich mit anderen Schärfetypen: Die Wasserpfeffer-Schärfe ist subtiler und eleganterals Chili (brennend), weniger betäubend als Szechuanpfeffer (numbend) und anhaltender als Wasabi (flüchtig-nasal). Am nächsten kommt sie dem Tasmanischen Bergpfeffer (Tasmannia lanceolata), der ebenfalls Polygodial enthält – ein Fall von konvergenter Chemie in nicht verwandten Pflanzenfamilien.
Kulinarische Verwendung
Tade-zu, Beni-tade, Sashimi – Japans geheime Gewürzwaffe
In der japanischen Küche hat der Wasserpfeffer (Tade) einen festen, wenn auch diskreten Platz: Er ist das traditionelle Begleitgewürz für Süßwasserfisch, besonders den hochgeschätzten Ayu (Süßfisch, Plecoglossus altivelis). Die berühmte Tade-zu-Sauce und die winzigen Beni-tade-Sprossen auf Sashimi sind ikonische Elemente der Washoku-Küche.
Signaturgerichte & Anwendungen
- • Tade-zu (蓼酢): DAS Signaturprodukt – Wasserpfefferpaste mit Reisessig, gestampftem Reis und Mirin als Dip-Sauce zu gegrilltem Ayu
- • Beni-tade auf Sashimi: Winzige rot-violette Sprossen als Garnitur auf Sashimi – Farbe + Mikroschärfe
- • Ayu Shio-yaki: Salzgegrillter Süßfisch am Spieß, serviert mit Tade-zu – die klassischste Paarung der japanischen Küche
- • Tempura-Garnierung: Beni-tade als farbiger Akzent auf Tempura-Platten
- • Tade-Miso: Wasserpfefferblätter in weißes Miso eingearbeitet – zu gegrilltem Gemüse
Europäische & Moderne Verwendung
- • Pfefferersatz (historisch): Im europäischen Mittelalter und in Kriegszeiten als Ersatz für teuren Pfeffer verwendet
- • Wildkräuter-Pesto: Frische Blätter mit Nüssen, Parmesan und Olivenöl – scharf-krautig
- • Salatgewürz: Junge Blätter fein geschnitten in Wildkräutersalaten – natürliche Schärfe
- • Essig-Infusion: Blätter in Weißweinessig einlegen (2 Wochen) → scharfer Kräuteressig für Vinaigrettes
- • Craft-Cocktails: Einzelne Blätter als Garnitur – prickelnd-elektrisch im Mund
Ayu + Tade-zu – Die poetischste Paarung Japans: Der Ayu (鮎, Plecoglossus altivelis) ist ein kleiner Süßwasserfisch mit einem einzigartigen Melonen-Gurken-Aroma, der in kristallklaren Gebirgsbächen lebt – genau dort, wo auch der Wasserpfeffer wächst. Diese ökologische Nachbarschaft ist kein Zufall: In der japanischen Küchenphilosophie gilt das Prinzip "Jidori-jisyoku" (地鶏地食) – was zusammen wächst, passt zusammen. Der Ayu wird traditionell ganz gegessen (Kopf, Gräten, Innereien) – die bittere Note der Eingeweide wird durch die frische Schärfe des Tade-zu perfekt ausbalanciert.
Japanisches Sprichwort: "蓼食う虫も好き好き" (Tade kuu mushi mo sukizuki) = "Auch Insekten, die Tade fressen, haben ihre Vorlieben." – Bedeutung: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Das Sprichwort spiegelt die Tatsache, dass Tade so scharf ist, dass die meisten Insekten ihn meiden – nur wenige "Liebhaber" fressen ihn trotzdem.
Schärfe bewahren – Temperaturregel:Polygodial zersetzt sich bei Hitze über 60 °Crapide. Daher: niemals kochen oder braten – immer roh, als Garnitur oder in kalte/ lauwarme Saucen einarbeiten. Bei Tade-zu: die Paste wird vor dem Mischen mit Essig hergestellt, nicht erhitzt.
Dosierung: Frische Blätter: 3–5 Blätter pro Portion (als Garnitur oder fein geschnitten). Tade-zu: 1–2 EL als Dip. Beni-tade-Sprossen: eine kleine Prise (10–20 Sprossen)pro Sashimi-Stück. Die Schärfe ist intensiv genug, um mit minimaler Menge Wirkung zu erzielen.
Fusion-Ideen:
- Wasserpfeffer-Butter auf gegrillter Forelle (europäische Interpretation des Ayu-Tade-Prinzips)
- Beni-tade auf Ceviche – der prickelnde Kontrast zur Zitrus-Säure
- Wasserpfeffer-Öl: Blätter in Rapsöl infundieren (kalt, 48 Stunden) → Finishing-Öl für Carpaccio
- In Gin-Infusionen: 5 Blätter in 100 ml Gin, 2 Stunden → prickelnd-krautiger Cocktail-Gin
- Als Ersatz für Wasabi bei Soja-Allergikern (ähnliche Schärfe, andere Chemie)

Food Pairing & Getränke
Süßwasserfisch, Reisessig, Zitrus – und überraschend gut mit Champagner
Das Pairing-Potenzial des Wasserpfeffers basiert auf seiner eleganten, nicht-dominanten Schärfe: Er hebt zarte Aromen hervor, anstatt sie zu überlagern. Ideal als Finishing-Gewürz für Gerichte, die Subtilität erfordern.
Proteine
- • Ayu/Süßfisch (klassisch!)
- • Forelle & Saibling
- • Lachs (roh: Sashimi)
- • Garnelen & Jakobsmuscheln
- • Weißfisch (Dorade, Wolfsbarsch)
- • Tofu (Hiyayakko – kalter Tofu)
- • Ente (geräuchert)
Aromaparnter
- • Reisessig (Tade-zu-Klassiker)
- • Yuzu & Kabosu (Zitrus)
- • Miso (weiß, süß)
- • Sojasauce (leicht)
- • Ingwer (frisch)
- • Shiso-Blätter (krautig)
- • Dashi (Umami-Brücke)
Getränke
- • Sake (Junmai Daiginjo)
- • Champagner (Blanc de Blancs)
- • Grüner Tee (Sencha, Gyokuro)
- • Craft Gin & Tonic
- • Riesling trocken
- • Yuzu-Soda
- • Umeshu (Pflaumenwein)
Gesundheit & Pharmakologie
324 Verbindungen, 20+ pharmakologische Aktivitäten – eines der bestuntersuchten Wildkräuter
Persicaria hydropiper ist eines der pharmakologisch bestuntersuchten Wildkräuter weltweit. Mit über 324 identifizierten Verbindungen und dokumentierten Aktivitäten von antimikrobiell über antikanzerogen bis neuroprotektiv ist die Pflanze ein phytochemisches Kraftpaket.
Verdauung
Spasmolytisch
Polygodial + Polygonolid
Antimikrobiell
MIC 0,39 µg/mL
Confertifolin gegen Candida
Antikanzerogen
Apoptose-Induktion
Polygodial → oxidativer Stress
Antimikrobiell – Breitspektrum: Polygodial und verwandte Driman-Sesquiterpenoide (Confertifolin, Drimenol) zeigen bemerkenswerte antimikrobielle Aktivität:
- Antibakteriell: Wirksam gegen Bacillus subtilis, Staphylococcus aureus, E. coli (MBC 50–100 µg/mL). Xiao et al. (2017) bestätigten die antibakterielle Aktivität der Phytokomponenten (PMID: 28000515)
- Antifungal: Confertifolingegen Candida albicans: MIC 0,39 µg/mL– vergleichbar mit Standard-Antimykotika! (Ayaz et al. 2020, PMID: 31884037)
- Mechanismus: Die 1,4-Dialdehyd-Gruppe des Polygodials reagiert kovalent mit Membranproteinen der Mikroorganismen → Membranpermeabilisierung und Lyse
Antinozizeptiv (Schmerzlindernd): Der methanolische Blattextrakt zeigte in Mäusen signifikante analgetische Wirkungin Essigsäure-induzierten Writhing- und Formalin-Tests. Der Mechanismus umfasst sowohl periphere (TRPV1-Desensibilisierung) als auch zentrale Bahnen (Rahman et al. 2015, PMID: 25888297).
Anti-inflammatorisch: Mehrere Extrakte und isolierte Verbindungen (Polygonolid, Rutin, β-Caryophyllen) hemmen Entzündungsmediatoren. β-Caryophyllen wirkt als CB2-Rezeptor-Agonist→ Hemmung von TNF-α, IL-6, NF-κB (Huq et al. 2014, PMC4009190). Polygodial-Analoge hemmen Entzündung in oralen Krebszellen (Dasari et al. 2018, PMID: 30320372).
Antikanzerogen: Polygodial induziert Apoptose in kastrations-resistenten Prostatakrebszellen (PC3-TXR, DU145-TXR) durch Induktion von oxidativem Stress(ROS-Generierung, mitochondriale Dysfunktion). Die Wirkung war selektiv für Krebszellen bei minimaler Toxizität für normale Zellen (Dasari et al. 2022, PMID: 36358679). β-Caryophyllen potenziert die Antikrebsaktivität von α-Humulen (Legault & Pichette 2007, PMID: 18053325).
Antihelminthisch (Entwurmend): Traditionell seit Jahrhunderten gegen Darmparasiten eingesetzt. Moderne Studien bestätigen: In-vitro-cestocide Aktivität gegen Raillietina echinobothrida(Bandwurm) – der Extrakt induziert Tegumentzerstörung (Lalchhandama 2023, PMID: 36910324).
Neuroprotektiv: Das ätherische Öl von P. hydropiper zeigte in transgenen Tiermodellen neuroprotektive Effekte – Reduktion von oxidativem Stress im ZNS. β-Caryophyllen als CB2-Agonist moduliert neuroinflammatorische Prozesse (2021, PMID: 33584260). Cholinesterase-Hemmung durch das ätherische Öl → potenziell relevant für Alzheimer- Prävention (Ayaz et al. 2015, PMID: 26530857).
Antioxidativ: Hoher Flavonoid-Gehalt (Rutin, Quercetin, Isoquercitrin) → starke Radikalfänger-Aktivität in DPPH-, ABTS- und FRAP-Assays. Blätter haben höheren antioxidativen Wert als Stängel (Yousaf et al. 2024, Bentham Science).
Weitere dokumentierte Aktivitäten:Hepatoprotektiv, kardioprotektiv, hypoglykämisch, antidepressiv, anti-adipogen (hemmt Fettzellenbildung), östrogen-modulierend, anti-Fertilität (Bairagi et al. 2022, PMID: 35259273).
Toxikologie: LD₅₀ des Chloroform- Extrakts (Maus, oral): 760 mg/kg – moderate Toxizität bei hohen Dosen. In kulinarischen Mengen (wenige Blätter) gilt die Pflanze als sicher. Kontaktdermatitis bei empfindlichen Personen durch frischen Saft möglich (Polygodial reizt die Haut) (Huq et al. 2014, PMID: 24834098).
⚠ Traditionelle Warnung: In der Volksmedizin wurde Wasserpfeffer als Emmenagogum (menstruationsfördernd) und mildes Abortivum verwendet. Schwangere sollten Wasserpfeffer meidenoder nur in minimalen kulinarischen Mengen konsumieren. Personen mit empfindlicher Magenschleimhaut sollten bei frischem Verzehr vorsichtig dosieren.
Qualitätsmerkmale & Einkauf
Frische = Schärfe · Welk oder getrocknet = Qualitätsverlust
Das wichtigste Qualitätskriterium beim Wasserpfeffer ist die Frische: Polygodial ist flüchtig und reaktiv – ein frisches Blatt ist um ein Vielfaches schärfer als ein getrocknetes.
Schärfetest
Blatt kauen
Sofortiges Prickeln = frisch
Optik
Sattgrün, prall
Keine Welke, keine Flecken
Beni-tade
Intensiv rot-violett
Aufrecht, nicht schlaff
Schärfetest (Nr. 1-Kriterium): Ein kleines Stück Blatt auf die Zunge legen. Innerhalb von 10 Sekunden sollte ein deutliches Prickeln und Brennen einsetzen. Wenn nach 30 Sekunden nichts passiert → die Pflanze ist zu alt, falsch gelagert oder eine schärfearme Varietät.
Optische Prüfung (frische Blätter): Sattgrüne, pralle Blätter ohne Welke oder braune Flecken. Durchscheinende Öldrüsen sichtbar im Gegenlicht. Stängel fest, nicht schlaff.
Beni-tade (Sprossen): Intensiv rot-violette Kotyledonen auf weißem Stängel. Aufrecht, nicht schlaff. Gleichmäßige Länge (2–3 cm). In Japan in Plastikschalen verpackt, gekühlt.
Getrockneter Wasserpfeffer: Sollte noch grünlich sein (nicht braun-grau). Beim Zerreiben zwischen den Fingern sollte ein würzig-pfeffriger Geruch aufsteigen. Deutlich weniger scharf als frisch (50–70 % Schärfeverlust).
Bezugsquellen (Europa):
- Wildsammlung: An Flussufern, Gräben und Teichrändern in ganz Mitteleuropa verbreitet. Verwechslungsgefahr mit anderen Persicaria-Arten → Schärfetest durchführen!
- Kräutergärtnereien: Rühlemanns, Naturkräutergarten u. a. bieten Pflanzen und Saatgut der japanischen Kulturform (Yanagi-tade) an
- Japanische Lebensmittelgeschäfte:Beni-tade-Sprossen (frisch, gekühlt) in gut sortierten japanischen Supermärkten
- Eigenanbau: Die einfachste Option – Samen aussäen, feucht halten, fertig
Preis: Als Wildkraut: kostenlos(Wildsammlung). Pflanzen: 3–6 EUR/Pflanze. Saatgut: 2–4 EUR/Portion. Beni-tade- Sprossen (Japan-Import): 5–10 EUR/Schale(Premiumprodukt).
Lagerung & Haltbarkeit
Extrem kurzlebig frisch – Polygodial ist reaktiv und flüchtig
Frischer Wasserpfeffer ist ein hochverderbliches Gewürz: Die Blätter welken schnell und der Scharfstoff Polygodial oxidiert und verflüchtigt an der Luft.
Frische Blätter
3–5 Tage
Gekühlt, in feuchtem Tuch
Getrocknet
6–12 Monate
50–70 % Schärfeverlust
Tade-zu (Sauce)
1–2 Tage
Sofort verbrauchen
Haltbarkeits-Rechner
Geschätzte optimale Haltbarkeit
48 Monate
Ganze Körner in bernsteinfarbenem Glas
Geschichte & kulturelle Bedeutung
Vom europäischen Pfefferersatz zum japanischen Kaiseki-Juwel
Die Geschichte des Wasserpfeffers spannt einen Bogen von der antiken Volksmedizin über den mittelalterlichen Pfefferersatz bis zur japanischen Haute Cuisine – ein Kraut zwischen Armut und Raffinesse.
Antike – Dioskurides und Plinius: Bereits Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) beschreibt in De Materia Medica ein "Hydropiper" als scharf schmeckendes Sumpfkraut, das bei Geschwüren und Verdauungsbeschwerdeneingesetzt wird. Plinius der Ältere(23–79 n. Chr.) erwähnt es in der Naturalis Historia als blutungsstillendes Mittel.
Japan – Heian-Zeit (794–1185): In Japan taucht Tade in Höfischen Gedichten(Waka, 和歌) der Heian-Zeit auf – als Symbol für Flussufer und Herbstmelancholie. Die kulinarische Verwendung als Tade-zu ist seit der Muromachi-Zeit (1336–1573) dokumentiert. In der Edo-Zeit (1603–1868) wurde Tade zum festen Bestandteil der Kaiseki-Küche(formelle japanische Gourmetküche).
Europa – Mittelalter bis Neuzeit: Im europäischen Mittelalter, als echter Pfeffer unbezahlbar teuer war (ein Pfund schwarzer Pfeffer entsprach dem Monatslohn eines Arbeiters), diente Wasserpfeffer als Pfefferersatz der Armen. In England als "Poor Man's Pepper" bekannt. Auch während der Weltkriege erlebte er Renaissancen als Gewürzersatz.
Volksmedizin weltweit: In der TCM (als Là liǎo) bei Bauchschmerzen, Durchfall, Hämorrhoiden und als Antiparasitikum. In der Siddha-Medizin Südindiens (als Gunmakudori) bei Verdauungsstörungen. In der europäischen Phytomedizin als Hämostyptikum (blutstillend) und bei Menstruationsbeschwerden. Auch als Insekten- repellent und Fisch-Betäubungsmittel(die scharfen Blätter wurden ins Wasser geworfen, um Fische zu betäuben – eine heute verbotene Praxis).
Taxonomische Geschichte: Von Linné 1753 als Polygonum hydropiper beschrieben. 1806 von Delarbre in die Gattung Persicaria überführt. Die Gattungszugehörigkeit wird bis heute diskutiert – molekulare Phylogenie stützt Persicaria als eigenständige Gattung (getrennt von Polygonum s.str.).
Moderne Renaissance: Mit dem globalen Trend zu Wildkräuterküche, Foraging und regionalen Gewürzen erlebt der Wasserpfeffer seit ca. 2010 ein Comeback in der europäischen Avantgarde-Gastronomie. Köche wie René Redzepi (Noma) und Magnus Nilsson (Fäviken) haben europäische Wildkräuter – darunter Wasserpfeffer – in den Fine-Dining-Kontext gehoben.
Markt, Handel & Wirtschaft
Wildkraut mit Gourmet-Potenzial – von kostenlos bis Premium
Wasserpfeffer ist kein klassisches Handelsgewürz: Er wird primär wild gesammelt oder im Eigenbau angebaut. In Japan existiert ein spezialisierter Markt für Beni-tade(Sprossen) und Tade-zu (Sauce), in Europa ist er ein Nischenprodukt der Wildkräuter-Szene.
Hauptmarkt
Japan
Beni-tade + Tade-zu
Trend Europa
Steigend
Foraging & Fine Dining
Preis
Kostenlos bis Premium
Wild oder Beni-tade-Import
Japan – Der einzige relevante Markt: In Japan ist Beni-tade ein Standard-Garnierungsprodukt der Gastronomie: Sushi-Restaurants, Kaiseki-Häuser und gehobene Izakayas beziehen es regelmäßig. Der Markt wird von spezialisierten Mikrogrün-Produzentenbedient, die Beni-tade ganzjährig in Gewächshäusern anbauen. Fertige Tade-zu ist kommerziell erhältlich (in Tuben oder Gläsern).
Europa & Nordamerika: Kein organisierter Handel. Erhältlich als:
- Wildkraut (kostenlos): Verbreitet an Gewässern, leicht zu sammeln für Kenner
- Saatgut & Pflanzen: Über Kräutergärtnereien (3–6 EUR/Pflanze, 2–4 EUR/Saatgut)
- Beni-tade-Import: Vereinzelt in japanischen Supermärkten (Großstädte), 5–10 EUR/Schale
- Getrockneter Wasserpfeffer: In Phyto-Shops und Online-Kräuterhandel für Teezubereitungen, 8–15 EUR/100 g
Pharma-Potenzial: Standardisierte Wasserpfefferextrakte (WPE, ca. 7 % Polygodial) werden für kosmetische und pharmazeutische Anwendungen gehandelt (Anti-Aging, anti- inflammatorische Hautcremes). Dieser B2B-Markt ist deutlich größer als der kulinarische.
Zukunftspotenzial: Mit dem wachsenden Interesse an heimischen Wildgewürzen(Noma-Effekt), der Nachfrage nach nachhaltigen Gewürzalternativen und der steigenden Beliebtheit japanischer Kulinarik in Europa könnte Wasserpfeffer in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.
Verwechslung & Verfälschungen
Schärfetest ist Pflicht – mehrere ähnliche Persicaria-Arten
Die häufigste Verwechslungsgefahr besteht mit anderen Arten der Gattung Persicaria, die morphologisch ähnlich aussehen, aber deutlich weniger oder gar kein Polygodial enthalten.
| Merkmal | P. hydropiper (Wasserpfeffer) | P. maculosa (Floh-Knöterich) | P. minor (Kleiner Knöterich) | P. odorata (Vietnamkoriander) |
|---|---|---|---|---|
| Schärfe | Sehr scharf (Polygodial 6,2 mg/g) | Nicht scharf (100.000× weniger) | Kaum scharf (200× weniger) | Leicht scharf (anders) |
| Ochreae (Tuten) | Spärlich bewimpert bis kahl | Lang bewimpert (auffällig!) | Kurz bewimpert | Bewimpert, eng anliegend |
| Blütenstand | Schlank, überhängend, locker | Dicht, aufrecht, kompakt | Dünn, aufrecht | Schlank, aufrecht |
| Blütenfarbe | Weiß-grünlich mit gelben Drüsen | Rosa-rot | Rosa-weiß | Rosa-weiß |
| Blattfleck | Fehlend | Dunkler V-förmiger Fleck | Manchmal vorhanden | V-förmiger dunkler Fleck |
| Habitat | Feuchtgebiete, Ufer | Äcker, Ruderalflächen | Feuchtgebiete | Tropen, kultiviert |
| Aroma | Pfeffrig, krautig | Mild, kaum Aroma | Mild-grünlich | Koriander + Zitrus |
Der sichere Bestimmungsschlüssel:
- Schärfetest: Ein Blatt kauen. Deutliches Prickeln/Brennen innerhalb von 10 Sekunden = P. hydropiper. Kein Prickeln = Verwechslung!
- Ochreae prüfen: Spärlich bewimpert oder kahl = P. hydropiper. Lange, deutliche Wimpern = P. maculosa oder andere Art.
- Blütenstand: Überhängende, lockere Ähren = P. hydropiper. Aufrechte, dichte Ähren = andere Art.
- Drüsenpunkte: Gelbe Drüsenpunkte auf den Tepalen (Blütenhüllblättern) = P. hydropiper (mit Lupe prüfen).
Verwechslung mit dem Tasmanischen Bergpfeffer: Tasmannia lanceolata(Winteraceae, Australien) enthält ebenfalls Polygodial als Scharfstoff – ein faszinierender Fall von konvergenter Chemie in nicht verwandten Pflanzenfamilien. Die beiden Pflanzen sehen aber völlig unterschiedlich aus (Baum vs. Kraut) und kommen auf verschiedenen Kontinenten vor.
Giftigkeit verwandter Arten: Keine der häufig verwechselten Persicaria-Arten ist giftig. Die Verwechslung ist also nicht gesundheitsgefährdend, sondern lediglich kulinarisch enttäuschend (kein Prickeln!).
Nachhaltigkeit & soziale Verantwortung
Heimisches Wildkraut – das nachhaltigste Gewürz überhaupt?
In Sachen Nachhaltigkeit ist der Wasserpfeffer ein Vorzeigegewürz: Als heimisches europäisches Wildkraut verursacht er null Transportemissionen, benötigt keinen Anbau und wächst von allein nach.
CO₂-Fußabdruck: nahe Null: Im Gegensatz zu importierten Gewürzen (schwarzer Pfeffer aus Vietnam, Szechuanpfeffer aus China, Vanille aus Madagaskar) muss Wasserpfeffer nicht um die halbe Welt transportiert werden. Er wächst vor der eigenen Haustür – an jedem Fluss, Graben oder feuchten Waldrand in Mitteleuropa. Kein Anbau, kein Dünger, kein Bewässerung, keine Verpackung nötig.
Ökologischer Wert: P. hydropiper ist ein wertvoller Bestandteil von Feuchtbiotopen:
- Uferbefestigung: Wurzelsystem stabilisiert Fluss- und Teichufer
- Insekten: Blüten bieten Nektar für Schwebfliegen und andere Bestäuber
- Vögel: Samen dienen als Winternahrung für Wasservögel (besonders Enten)
- Wasserqualität: Filtert Nährstoffe aus dem Uferwasser (Phytoremediation)
Sammelethik: Obwohl P. hydropiperin Mitteleuropa nicht gefährdet ist (Rote Liste: "Least Concern"), gelten beim Sammeln die üblichen Foraging-Regeln:
- Nie mehr als 10 % eines Bestandesentnehmen
- Wurzeln im Boden lassen (nur oberirdische Teile ernten)
- In Naturschutzgebieten nicht sammeln
- Nicht an verschmutzten Gewässern sammeln (Schwermetallakkumulation möglich)
Alternative zu importierten Gewürzen:Wasserpfeffer könnte als lokale Alternative zu importiertem Pfeffer positioniert werden – für Restaurants und Haushalte, die ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren wollen. Ein Marketing-Narrativ: "Der Pfeffer, der vor deiner Tür wächst."
Japan – Kulturlandschaftspflege: In Japan trägt der traditionelle Tade-Anbau zur Erhaltung von Kulturlandschaften bei: Die Wassergärten und feuchten Kulturbeete, in denen Yanagi-tade angebaut wird, sind Teil des Satoyama-Konzepts (里山) – der harmonischen Koexistenz von Landwirtschaft und Natur.
Invasivitäts-Hinweis: In einigen Regionen außerhalb seines Ursprungsgebiets (Australien, Neuseeland, Teile Nordamerikas) gilt P. hydropiper als invasiver Neophyt, der einheimische Feuchtpflanzen verdrängen kann. In diesen Gebieten ist das Sammeln sogar ökologisch erwünscht.
Quellenverzeichnis
- Huq, A.K.M.M. et al. (2014): Ethnobotanical, Phytochemical, Pharmacological, and Toxicological Aspects of Persicaria hydropiper (L.) Delarbre. Evid Based Complement Alternat Med 2014:782830. PMID: 24834098; PMC4009190
- Ayaz, M. et al. (2020): Persicaria hydropiper (L.) Delarbre: A review on traditional uses, bioactive chemical constituents and pharmacological and toxicological activities. J Ethnopharmacol 251:112516. PMID: 31884037
- Nasir, B. et al. (2021): Review on Pharmacological and Phytochemical Prospects of Traditional Medicinal Plant: Persicaria hydropiper (Smartweed). Curr Top Med Chem 21(12):1027–1036. PMID: 33655861
- Bairagi, S.H. et al. (2022): A review on the ethnopharmacology, phytochemistry and pharmacology of Polygonum hydropiper Linn. J Pharm Pharmacol74(5):619–645. PMID: 35259273
- Jovanović, M. et al. (2024): New Perspectives on the Old Uses of Traditional Medicinal and Edible Herbs: Extract and Spent Material of Persicaria hydropiper. Nutrients 16(19):3368. PMID: 39408335
- Prota, N. et al. (2014): Comparison of the chemical composition of three species of smartweed (genus Persicaria) with a focus on drimane sesquiterpenoids. Phytochemistry 108:129–136. PMID: 25453911
- Barnes, C.S. & Loder, J.W. (1962): The structure of polygodial: a new sesquiterpene dialdehyde from Polygonum hydropiper L. Aust J Chem 15(2):322–327.
- André, E. et al. (1999): Dialdehyde sesquiterpenes and other terpenoids as vanilloids. Eur J Pharmacol 367(2–3):129–137. DOI: 10.1016/S0014-2999(98)00514-7
- Rahman, M. et al. (2015): Antinociceptive effect of methanol extract of leaves of Persicaria hydropiper in mice. BMC Complement Altern Med 15:63. PMID: 25888297
- Xiao, Z. et al. (2017): Biological evaluation of phytoconstituents from Polygonum hydropiper. Nat Prod Res 31(17):2053–2057. PMID: 28000515
- Dasari, S. et al. (2022): Polygodial, a Sesquiterpene Dialdehyde, Activates Apoptotic Signaling in Castration-Resistant Prostate Cancer Cell Lines by Inducing Oxidative Stress. Cancers 14(21):5260. PMID: 36358679
- Dasari, S. et al. (2018): Novel polygodial analogs P3 and P27: Efficacious therapeutic agents disrupting mitochondrial function in oral squamous cell carcinoma. Chem Biol Interact 295:89–98. PMID: 30320372
- Lalchhandama, K. (2023): In vitro cestocidal activity of Persicaria hydropiper, a traditionally used anthelmintic plant in India. J Helminthol 97:e30. PMID: 36910324
- Ayaz, M. et al. (2015): Comparative chemical profiling, cholinesterase inhibitions and anti-radicals properties of essential oils from Polygonum hydropiper L.: A preliminary anti-Alzheimer's study. Lipids Health Dis 14:141. PMID: 26530857; PMC4632677
- Legault, J. & Pichette, A. (2007): Potentiating effect of β-caryophyllene on anticancer activity of α-humulene, isocaryophyllene and paclitaxel. J Pharm Pharmacol 59(12):1643–1647. PMID: 18053325
- Miyazawa, M. (2007): Components of the essential oil from sprouts of Polygonum hydropiper L. ('Benitade'). Flavour Fragr J22(3):231–233. DOI: 10.1002/ffj.1779
- Hagendoorn, M.J.M. et al. (1994): Occurrence of polygodial in plant organs and tissue culture of Polygonum hydropiper. Physiol Plant92(4):595–600. DOI: 10.1111/j.1399-3054.1994.tb03028.x
- Yousaf, T. et al. (2024): Polygonum hydropiper Leaves have More Medicinal Value than Stems: Based on Chemical Composition and Antioxidant Activity. Comb Chem High Throughput Screen 27(3):484–495.
- Bautista, D.M. et al. (2008): Pungent agents from Szechuan peppers excite sensory neurons by inhibiting two-pore potassium channels. Nat Neurosci11(7):772–779. PMID: 18568022
- Idoudi, S. et al. (2024): The genus Polygonum: An updated comprehensive review of its ethnomedicinal uses, phytochemistry, and pharmacological activities. J Ethnopharmacol 337:118842.
- Yildirim, A.B. et al. (2022): Chemical Composition of Essential Oils of Seven Polygonum Species from Turkey: A Chemotaxonomic Approach. Molecules 28(1):266. PMC9785205
- Singh, V. et al. (2025): Pharmacognostical, Phytochemical and Anti-bacterial Studies of a Siddha Medicine: Gunmakudori (Persicaria hydropiper) Leaves. J Nat Remedies 25(1). DOI: 10.18311/jnr/2025/41753
- Joshi, S. et al. (2021): Neuroprotective potential of essential oils from Polygonum hydropiper. Front Pharmacol. PMID: 33584260
- Uzun, Y. et al. (2023): The traditional herb Polygonum hydropiperfrom China: a comprehensive review on phytochemistry, pharmacological activities and applications. Chin Med 18:53. PMC10193905
Wasserpfeffer entdecken
Entdecken Sie das geheimste Gewürz Europas – es wächst wahrscheinlich direkt an Ihrem nächsten Bach. Von der japanischen Kaiseki-Küche über Wildkräutersalate bis zum Craft-Cocktail: Der Wasserpfeffer ist ein Überlebenskünstler der Feuchtgebiete, dessen prickelnd-elektrische Schärfe Sie nicht mehr vergessen werden. Pflücken, kauen, staunen.
Alle Pfeffer-Ratgeber entdecken