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Sumach

Rhus coriaria L. – Die Zitrone des Orients

Der Sumach ist einer der faszinierendsten Grenzgänger der Gewürzwelt: Botanisch ein Verwandter der Cashewnuss und des Mangos, kulinarisch die trockene Zitrone der Levante. Sein tiefrotes Pulver verwandelt Kebab, Fattoush und Hummus in aromatische Kunstwerke – nicht durch Schärfe, sondern durch eine mundwässernde Säure, die seit der Antike geschätzt wird. Als Signaturgewürz der nahöstlichen Küche und Schlüsselzutat des legendären Za'atar erlebt Sumach derzeit eine Renaissance in der globalen Gastronomie.

Botanische Identität

Anacardiaceae – Familie der Cashews, Mangos und Pistazien

Der Gewürzsumach (Rhus coriaria L.) gehört zur Familie der Anacardiaceae (Sumachgewächse) innerhalb der Ordnung Sapindales. Er teilt seine Familie mit so prominenten Verwandten wie Cashewnuss (Anacardium occidentale), Mango (Mangifera indica), Pistazie(Pistacia vera) und der Rosa Beere (Schinus terebinthifolius) – letztere wird ebenfalls als Pseudo-Pfeffer geführt.

Familie

Anacardiaceae

Sumachgewächse

Wuchsform

Sommergrüner Strauch

2–4 m Höhe

Kategorie

Pseudo-Pfeffer

Kein Piperin · Säure

Ordnung: Sapindales → Familie: Anacardiaceae → Gattung: Rhus (~250 Arten) → Art: Rhus coriaria L. (1753)

Namensherkunft: Rhus aus dem Griechischen ῥοῦς (rhoûs), das wiederum auf das aramäische "summāq" zurückgeht – schlicht "rot", ein Verweis auf die markante Fruchtfarbe. Coriaria = "zum Gerben gehörig", da die tannin- reichen Blätter seit der Antike zum Ledergerbenverwendet wurden. Deutsche Namen: Gewürzsumach, Sizilianischer Sumach, Gerbersumach. Arabisch: سماق(summāq). Türkisch: sumak. Persisch: سماق (somāq).

Wuchsform: Sommergrüner, mehrstämmiger Strauch oder kleiner Baum, der Höhen von 2–4 m (selten bis 5 m) erreicht. Stark verzweigt mit graubrauner, rissiger Rinde. Unpaarig gefiederte Blätter mit 9–15 Fiederblättchen (3–6 cm lang), elliptisch, gesägt, auf der Unterseite dicht behaart (samtig). Im Herbst spektakuläre Rotfärbung der Blätter – Sumach wird in Nordamerika als Zierpflanze für Herbstlaub geschätzt.

Blüten: Kleine, grünlich-weiße Blüten in dichten, aufrechten Rispen (Thyrsus, 10–20 cm lang). Blüte: Mai–Juli. Bestäubung durch Insekten (entomophil). Zwittrig oder polygam-diözisch je nach Population.

Frucht – Das Gewürz: Kleine, kugelförmige Steinfrüchte (Drupen, 4–6 mm Durchmesser), dicht behaart mit drüsenreichen Trichomen, die die organischen Säuren (Äpfelsäure, Zitronensäure) enthalten. In dichten, aufrechten Rispen angeordnet. Bei Vollreife tief dunkelrot bis purpurn. Jede Frucht enthält einen harten, ungenießbaren Steinkern (Pyrene), umgeben vom aromatischen Perikarp (Fruchtfleisch + Schale) – nur das Perikarp wird als Gewürz verwendet.

Verwandtschaft zur Rosa Beere: Rhus coriariagehört zur selben Familie wie Schinus terebinthifolius (Rosa Beere/Rosa Pfeffer). Beide sind Anacardiaceae, beide werden als Pseudo-Pfeffer geführt – doch ihr Aromaprofil ist grundverschieden: Sumach = sauer-herb, Rosa Beere = süßlich-harzig. Die Allergenpotenziale ähneln sich jedoch: Anacardiaceae enthalten Urushiole, die bei empfindlichen Personen Kontaktdermatitis auslösen können (bei R. coriaria allerdings in vernachlässigbaren Mengen).

⚠ Verwechslung mit Giftsumach: In Nordamerika existieren giftige Toxicodendron-Arten(ehemals Rhus toxicodendron, R. vernix), die weiße oder gelbliche Beeren tragen und starkes Urushiol enthalten. R. coriaria mit seinen roten Beeren ist davon klar zu unterscheiden. In Europa und dem Nahen Osten besteht diese Verwechslungsgefahr nicht (Giftsumach kommt dort nicht vor).

Gemahlener Sumach auf Messingplatte
Sumach (Rhus coriaria) – das leuchtend burgunderrote Pulver bringt eine fruchtig-saure Note ohne Flüssigkeit. Bild: KI generiert.

Herkunft, Terroir & Anbau

Mittelmeer bis Zentralasien – Pflanze des Lichts und karger Böden

Die Heimat des Gewürzsumachs erstreckt sich über den gesamten Mittelmeerraum bis nach Zentralasien – von Südeuropa (Sizilien, Griechenland, Südfrankreich) über die Levante (Libanon, Syrien, Palästina), die Türkei bis in den Iran und nach Afghanistan. Er ist eine Pflanze des Lichts und der kargen Böden.

Hauptanbau

Türkei & Iran

Levante, Sizilien, Marokko

Klima

Mediterran-semiarid

Heiß, trocken, 300–700 mm

Ernte

Wild & Kultur

Sonnige Kalkstein-Hänge

Türkei – Der Hauptproduzent: Die Südosttürkei (Gaziantep, Şanlıurfa, Mardin, Siirt) ist das weltweit wichtigste Anbaugebiet. Das heiß-trockene Klima Südostanatoliens mit Sommertemperaturen von 35–45 °C und kargen, kalkhaltigen Böden produziert Sumach mit maximaler Säurekonzentration und intensivster Farbe. Jährliche Produktion: geschätzte 15.000–20.000 Tonnen(Türkei gesamt).

Iran – Die Qualitätsalternative: Zweitgrößter Produzent, insbesondere in den Zagros-Bergen(Kurdistan, Lorestan, Fars). Iranischer Sumach gilt als besonders aromatisch mit einem komplexeren Säureprofil (höherer Weinsäure-Anteil). Oft wird er ohne Salzzusatzverkauft – ein Qualitätsmerkmal.

Levante (Libanon, Syrien, Palästina): Das kulturelle Kernland des Sumachs. Libanesischer Sumach wird traditionell für die Herstellung von Za'atar- Mischungen bevorzugt. Kleinbäuerliche Produktion, Wildsammlung an den Hängen des Libanon- und Anti-Libanon-Gebirges.

Sizilien & Mittelmeer-Europa: In Sizilien hat der Sumach eine historische Bedeutung – vor allem als Gerbstofflieferant für die Lederindustrie (bis ins 19. Jh.). Heute kulinarisch marginalisiert, aber einzelne Produzenten beleben die Tradition neu.

Terroir-Einfluss auf Qualität: Das Terroir beeinflusst die Säurekonzentration und dasAnthocyanprofil massiv:

  • Heiß-trocken (Südosttürkei, Südiran): Maximale Äpfelsäure-Konzentration, intensivstes Rot → Premium-Qualität
  • Mediterran-gemäßigt (Levante, Sizilien): Ausgewogeneres Säureprofil, mehr Fruchtigkeit
  • Feuchtere Zonen: Geringere Säuredichte, blassere Farbe → mindere Qualität

Boden: R. coriaria bevorzugt steinige, kalkhaltige, gut durchlässige Bödenan sonnigen Hanglagen (300–1.500 m). Er ist extrem trockenheitsresistent (xerophytisch) und kommt mit Niederschlägen von nur 300 mm/Jahr aus. Diese Genügsamkeit macht ihn ideal für Gebiete, die für andere Kulturen zu karg sind.

Wild vs. Kultur: In der Türkei existieren sowohl Kulturplantagen als auch ausgedehnte Wildsammlung. Im Libanon, Syrien und Iran überwiegt die Wildsammlung. Die Domestizierung schreitet voran, aber wilde Populationen liefern oft aromatisch komplexere Früchte.

Mediterrane Hügellandschaft mit Sumach-Sträuchern
Sumach am Mittelmeer – die anspruchslosen Sträucher gedeihen auf felsigen, sonnigen Hängen. Bild: KI generiert.

Ernte & Verarbeitung

Vom purpurnen Kolben zum roten Pulver – ohne Fermentation

Die Verarbeitung des Sumachs ist überraschend einfach und bewahrt die Rohqualität der Frucht: Trocknung, mechanisches Reiben und Sieben – keine Fermentation, keine Oxidation, keine Räucherung. Der Schlüssel liegt in der schonenden Trennung des aromatischen Perikarps vom harten, geschmacklosen Steinkern.

Ernte

August–September

Vollreife, tief purpurn

Trocknung

Sonnentrocknung

3–7 Tage, keine Hitze

Mahlung

Perikarp gerieben

Kern entfernt, grob

Erntezeitpunkt: Die Fruchtrispen (Kolben) werden im Spätsommer (August–September) geerntet, wenn sie eine tief dunkelrote bis purpurne Farbe angenommen haben. Zu frühe Ernte (hellrot) → zu wenig Säure und Anthocyane. Zu späte Ernte (bräunlich) → Aromaverlust durch Überreife und mikrobielle Zersetzung.

Ernte von Hand: Die ganzen Fruchtrispen werden mit Scheren oder Messern abgeschnitten – eine arbeitsintensive Handarbeit, da die Sträucher oft an steilen, schwer zugänglichen Hängen wachsen. Ein erfahrener Sammler erntet 20–40 kg frische Rispen pro Tag.

Trocknung: Die ganzen Rispen werden an der Sonne ausgebreitet und 3–7 Tagegetrocknet (keine künstliche Hitze, keine Räucherung). Ziel: Restfeuchtigkeit auf < 12 % reduzieren. Übermäßige Hitze (> 50 °C) zerstört die empfindlichen Anthocyane und organischen Säuren.

Mechanisches Reiben (Dreschen): Die getrockneten Früchte werden mechanisch gerieben: Das brüchige Perikarp (Fruchtfleisch + Schale + Trichome) wird vom harten Steinkern getrennt. Traditionell in großen Mörsern oder zwischen flachen Steinen, heute meist in Hammermühlen. Der Steinkern wird verworfen – er ist geschmacklos, hart und enthält keine aromatischen Verbindungen.

Sieben & Graduierung: Das Reibgut wird durch Siebe unterschiedlicher Maschenweite getrennt: Grobes Perikarp-Granulat (Premium), feines Pulver (Standard), Kernreste und Stängelstücke (Ausschuss). Premium-Sumach ist grob-körnig, nicht staubfein.

Salzzusatz: In der Türkei wird dem gemahlenen Sumach traditionell 5–15 % Speisesalz beigemischt. Dies dient drei Zwecken: (1) Feuchtigkeitsbindung(hygroskopisch → verhindert Verklumpen), (2) Konservierung (antimikrobiell), (3) Geschmacksverstärkung. Iranischer Premium-Sumach wird oft ohne Salz verkauft – reiner, aber kürzer haltbar.

Kein enzymatischer Prozess: Im Gegensatz zu schwarzem Pfeffer (Polyphenoloxidase-Bräunung), grünem Pfeffer (Enzymdeaktivierung) oder weißem Pfeffer (Fermentation/Retting) findet beim Sumach keine enzymatische oder fermentative Veränderung statt. Die Trocknung ist ein rein physikalischer Prozess, der das native Aromaprofil bewahrt.

Sumach-Strauch mit roten Fruchtständen
Rhus coriaria – die filzigen, dunkelroten Fruchtstände werden getrocknet und zu dem charakteristischen Pulver gemahlen. Bild: KI generiert.

Chemische Zusammensetzung

Organische Säuren statt Piperin – Polyphenol-Kraftpaket

Sumach enthält kein Piperin und keine trigeminale Schärfe. Seine sensorische Wirkung beruht auf organischen Säuren(Äpfelsäure, Zitronensäure, Weinsäure), die den sauren Geschmack erzeugen, und Polyphenolen (Gallotannine, Ellagitannine, Anthocyane), die Adstringenz, Farbe und den höchsten ORAC-Wert aller Gewürze liefern.

Säureprofil

Äpfelsäure dominiert

+ Zitronen- & Weinsäure

Polyphenole

Gallotannine

100–200 mg GAE/g (ORAC-Rekord)

Kein Piperin

Keine Capsaicinoide

Säure-Pungenz, kein TRPV1

Wirkstoffprofil (Schlüsselverbindungen, % Trockengewicht)

Äpfelsäure818 %

Aroma: Sauer, apfelartig, frisch

Zitronensäure512 %

Aroma: Zitrisch, sauer, erfrischend

Weinsäure38 %

Aroma: Herb-sauer, weinig

Gallussäure410 %

Aroma: Adstringierend, herb, tannisch

Anthocyane26 %

Aroma: Farbgebend, antioxidativ

Ellagitannine39 %

Aroma: Herb, adstringierend, holzig

Quercetin14 %

Aroma: Bitter, antioxidativ

Myricetrin13 %

Aroma: Mild herb, polyphenolisch

Organische Säuren (Primärsäure-Profil):

  • Äpfelsäure (C₄H₆O₅, 8–18 %): Die Leitsäure des Sumachs. Erzeugt die weiche, apfelartige Säure, die komplexer und weniger aggressiv ist als reine Zitronensäure. Konzentriert in den drüsenreichen Trichomen der Fruchthaut (Kossah et al. 2013, PMC3589769).
  • Zitronensäure (C₆H₈O₇, 5–12 %): Liefert die zitrische Spitze. Höherer Anteil in heißem, trockenem Terroir.
  • Weinsäure (C₄H₆O₆, 3–8 %): Liefert die herbere, weinige Komponente. Höher in iranischen Proben.
  • Bernsteinsäure, Ascorbinsäure: In Spuren.

Polyphenole – Das Herzstück: Sumach ist ein Polyphenol-Kraftpaket: Gesamtphenolgehalt 100–200 mg GAE/g (Gallussäure-Äquivalente) Trockengewicht – einer der höchsten Werte aller pflanzlichen Lebensmittel (Kosar et al. 2007, PMID: 17295537). Die Polyphenolklassen:

  • Hydrolysierbare Tannine: Gallotannine (Pentagalloylglucose, Galloyl-HHDP-Glucose) und Ellagitannine – verantwortlich für das adstringierende Mundgefühl.
  • Gallussäure (freie Form, 4–10 %): Starkes Antioxidans, antimikrobiell. In sumachgerbten Leder jahrhundertelang als Konservierungsstoff genutzt.
  • Anthocyane: Cyanidin-3-O-glucosid, Delphinidin-3-O-glucosid – verantwortlich für die tiefrote bis purpurne Pigmentierung. UV-empfindlich (photoinstabil) – erklärt die Notwendigkeit lichtgeschützter Lagerung (Kossah et al. 2013, PMC3589769).
  • Flavonole: Quercetin, Myricetrin, Kaempferol – antioxidativ und entzündungshemmend.

ORAC-Wert: Der ORAC-Wert (Oxygen Radical Absorbance Capacity) von Sumach beträgt 312.400 µmol TE/100 g – der höchste jemals für ein Gewürz gemessene Wert(USDA Database for ORAC of Selected Foods, 2010). Zum Vergleich: Nelken 290.283, Zimt 131.420, Oregano 175.295. Dieser Rekordwert ist auf die Kombination aus Gallotanninen und Anthocyanen zurückzuführen.

Ätherisches Öl (Spur, 0,02–0,5 %): Im Gegensatz zu echtem Pfeffer enthält Sumach nur minimale Mengen ätherisches Öl. Die identifizierten Verbindungen: Nonanal, Decanal, (E)-2-Decenal, Carvacrol (Spuren), Thymol (Spuren). Das Aroma des Sumachs kommt also primär nicht von Terpenen, sondern von organischen Säuren und deren Wechselwirkung mit Polyphenolen.

Nährstoffe: Bemerkenswert hohe Werte für Vitamin C (3–5 mg/100 g im Trockenpulver), Eisen (5–7 mg/100 g), Kalium(bis 1.500 mg/100 g) und Ballaststoffe (15–20 %).

Sensorisches Profil

Mundwässernde Säure mit samtiger Herbe

Sumach ist kein Schärfe-Gewürz – er ist ein Säure-Gewürz. Sein sensorisches Profil ist eine einzigartige Kombination aus zitrischer Frische, fruchtiger Herbe und einem adstringierenden Finish, das an Granatapfel oder Hibiskus erinnert.

Aroma-Radar

ZitrusSaure BeerenHerbFruchtigBlumigErdigAdstringierendWürzig

Schärfe-Intensität

2/ 10Sehr mild
TypKeine TRPV1-Schärfe – Säure-Pungenz (organische Säuren auf Geschmacksrezeptoren)
EinsatzSofort: mundwässernde Säure, kein Brennen
DauerMittel (3–8 Min.), ausklingend als Herbe/Adstringenz

Visuell: Grobes tiefrotes bis burgunder- farbenes Pulver mit sichtbaren Fruchtschalenfragmenten. Premium-Ware zeigt ein sattes, fast purpurnes Rot. Mindere Qualität ist blasser (hellrot bis bräunlich). Beim Befeuchten intensiviert sich die Farbe dramatisch zu einem leuchtenden Karminrot – ein Zeichen für intakte Anthocyane.

Nase: Beim Öffnen sofort zitrisch- fruchtig (Äpfelsäure, Zitronensäure), gefolgt von einer herben, beerigen Note (Tannine, Anthocyane), die an getrocknete Sauerkirschen oder Berberitzen erinnert. Im Hintergrund: eine subtile erdige Wärme. Kein Pfeffer-Ton, kein Rauch, keine Schärfe in der Nase – ein reines Frucht-Herb-Profil.

Gaumen: Dreiphasiges Erlebnis:

  1. Auftakt (0–2 Sek.): Sofort eine angenehme, mundwässernde Säure – weicher und komplexer als reiner Zitronensaft. Der Speichelfluss wird stark angeregt (Äpfelsäure-Effekt).
  2. Kernphase (2–5 Sek.): Die fruchtig- herbere Dimension entfaltet sich: Saure Beeren, Granatapfel, ein Hauch Hibiskus. Gleichzeitig setzt die Adstringenz (Tannine) ein – ein trockenes, zusammenziehendes Gefühl, besonders an Zahnfleisch und innerer Wange.
  3. Finish (5–10+ Sek.): Sauber und erfrischend. Die Säure klingt ab, die feine Herbe bleibt als Grundton. Kein bitterer Nachhall (im Gegensatz zu unreifem Sumach). Ein kurzer, mineraler Nachklang.

Schärfeprofil: 2/10keine trigeminale Schärfe im klassischen Sinne. Die "2" reflektiert die leichte Irritation durch die konzentrierte Säure (Geschmacksknospen-Stimulation), die manche als milde Pungenz wahrnehmen. Sumach aktiviert nicht TRPV1 (wie Capsaicin oder Piperin), sondern die Geschmacksrezeptoren für "sauer"(OTOP1-Protonenkanäle und TAS2R-Bitterrezeptoren für die Tannine).

Kulinarische Verwendung

Die trockene Zitrone der Levante – Za'atar, Fattoush, Kebab

In der levantinischen Küche ist Sumach so allgegenwärtig wie Salz und Pfeffer in der europäischen Küche. Er ist die trockene Zitrone des Orients – ein Säuerungsmittel, das Säure ohne Feuchtigkeit liefert und dabei eine aromatische Tiefe bringt, die Zitronensaft niemals erreicht.

Signaturgerichte

  • Za'atar: DIE Gewürzmischung der Levante – Sumach + wilder Thymian + Sesam + Salz. Wird mit Olivenöl als Dip zu Fladenbrot serviert
  • Fattoush: Libanesischer Brotsalat mit großzügiger Sumach-Bestreuung als Finishing
  • Musakhan: Palästinensisches Nationalgericht – Hähnchen auf Zwiebeln mit Sumach und Taboon-Brot
  • Zwiebelsalat (Soğan Salatası): Türkisch – rote Zwiebeln mit Sumach mariniert, klassisch zu Kebab
  • Lahmacun-Topping: Türkische "Pizza" wird mit Sumach bestreut

Anwendungstechniken

  • Finishing-Gewürz: Immer als letzter Schritt – über das fertige Gericht streuen (nie mitkochen, Säure verflüchtigt)
  • Marinaden: In Joghurt- oder Olivenöl-Marinaden für Fleisch und Fisch (2–3 EL/500 g)
  • Dressings: In Vinaigrettes als Zitronensaft-Ersatz (1 EL = Saft ½ Zitrone, aber komplexer)
  • Infusion: In heißem Wasser aufgegossen als "Sumach-Limonade" (im Nahen Osten verbreitet)
  • Über Hummus & Dips: Streulinie über Hummus, Baba Ganoush, Labneh

Regel Nr. 1 – Nie mitkochen! Sumach sollte nie länger als 5 Minuten erhitzt werden. Die organischen Säuren (Äpfelsäure, Zitronensäure) verflüchtigen bei Hitze, und die Anthocyane zerfallen ab 70 °C – Farbe und Aroma gehen verloren. Immer als Finishing-Gewürzverwenden: nach dem Kochen, vor dem Servieren.

Dosierung: Großzügiger als man denkt! Sumach ist kein Schärfe-Gewürz – Überdosierung führt nicht zu Brennen, sondern zu angenehmer Intensität. Richtwerte: 1–2 TL pro Portion als Finishing, 2–3 EL pro 500 g Fleisch in Marinaden, 1 EL pro Salatschüssel für Fattoush.

Za'atar selbst mischen: Das klassische Verhältnis: 2 Teile Sumach : 2 Teile wilder Thymian (oder Oregano + Thymian) : 1 Teil gerösteter Sesam : ½ Teil Salz. Je nach Region variiert das Rezept – libanesischer Za'atar ist sumach-betont, palästinensischer kräuterbetonter.

Moderne Fusion-Ideen:

  • Sumach statt Zitrone über gegrilltem Fisch
  • Sumach-Butter (weiche Butter + 2 EL Sumach + Meersalz)
  • Sumach in Avocado-Toast (die Säure ersetzt Zitronensaft)
  • Sumach-Popcorn (Olivenöl + Sumach + Meersalz)
  • Sumach in Cocktails (als Rim-Gewürz statt Salzrand)
  • Sumach-Eis (Granatapfel-Sumach-Sorbet)
Fattoush-Salat mit Sumach
Fattoush – der levantinische Brotsalat mit großzügig gestreutem Sumach, der dem Gericht seine typische Säure verleiht. Bild: KI generiert.

Food Pairing & Getränke

Säure als Brücke – Partner für Fett, Umami und Süße

Das Pairing-Potenzial des Sumachs basiert auf dem Säure-Fett- Gleichgewicht: Seine mundwässernde Säure bricht die Schwere fettiger Speisen und hebt die Aromatik. Er ist der perfekte Gegenspieler zu Umami und Süße.

Proteine & Gemüse

  • • Lammfleisch (klassisch!)
  • • Gegrilltes Hähnchen
  • • Weißer Fisch (Dorade, Seebarsch)
  • • Halloumi & Feta
  • • Aubergine & Zucchini
  • • Rote Zwiebeln
  • • Tomaten & Gurken

Gewürz-Synergien

  • Thymian/Oregano (→ Za'atar)
  • • Sesam (Nuss-Säure-Kontrast)
  • • Knoblauch (Alliin + Säure)
  • • Kreuzkümmel (erdige Brücke)
  • • Granatapfelsirup (Säure-Duo)
  • • Baharat (warme Gewürze)
  • • Petersilie (Chlorophyll-Kontrast)

Getränke

  • Sumach-Limonade (traditionell)
  • • Granatapfelsaft
  • • Rosé-Wein (Provence, Libanon)
  • • Weißwein (Grüner Veltliner)
  • • Gin Sour mit Sumach-Rim
  • • Ayran (türkischer Joghurtdrink)
  • • Hibiskustee (Säure-Verwandtschaft)

Gesundheit & Pharmakologie

ORAC-Rekordhalter – Polyphenol-Medizin der Levante

Sumach besitzt eine jahrtausendealte Tradition in der Heilkunde des Nahen Ostens – und moderne Forschung bestätigt ein beeindruckendes pharmakologisches Spektrum. Mit dem höchsten ORAC-Wert aller Gewürze und einem Polyphenolgehalt, der Blaubeeren um das 50-Fache übertrifft, ist Sumach ein genuines funktionelles Lebensmittel.

ORAC-Wert

312.400 µmol TE

Höchster Wert aller Gewürze

Antimikrobiell

S. aureus, E. coli

MIC 0,5–8 mg/mL

Antidiabetisch

HbA1c ↓, FBG ↓

Shidfar et al. 2014, RCT

Antioxidativ (ORAC-Rekord): Der ORAC-Wert von 312.400 µmol TE/100 g macht Sumach zum stärksten antioxidativen Gewürz weltweit (USDA Database, 2010). Diese Kapazität wird primär von den Gallotanninen und Anthocyanengetragen. In vitro hemmen Sumach-Extrakte die Lipidperoxidation stärker als synthetisches BHT (Candan & Sokmen 2004, PMID: 15033225). Kosar et al. (2007, PMID: 17295537) bestätigten die starke DPPH- und ABTS-Radikalfänger-Aktivität des methanolischen Extrakts.

Anti-inflammatorisch: Gallussäure und Quercetin hemmen die NF-κB-Signalkaskade und reduzieren die Expression von COX-2, iNOS und proinflammatorischen Zytokinen (TNF-α, IL-6) (Khalilpour et al. 2019, PMID: 31030019). Der wässrige Extrakt zeigte in Rattenmodellen eine Reduktion von Carrageenan-induzierten Ödemen um 55 % – vergleichbar mit Indomethacin (Mohammadi et al. 2010).

Antidiabetisch (klinische Evidenz!): Die bedeutendste klinische Studie: Shidfar et al. (2014, PMID: 24757497) – ein randomisierter, doppelblinder, placebokontrollierter Trial (RCT)mit Typ-2-Diabetikern. 3 g Sumachpulver/Tag über 3 Monate:

  • HbA1c ↓ signifikant (Langzeit-Blutzucker)
  • Nüchternblutzucker (FBG) ↓
  • Gesamt-Antioxidantenkapazität ↑
  • Malondialdehyd (MDA) ↓ (Oxidativer Stress)

Weitere RCTs bestätigen dies: Heydari et al. (2019, PMID: 31253414) zeigte signifikante Reduktion von Triglyzeriden und LDL-Cholesterin bei metabolischem Syndrom.

Antimikrobiell: Sumach-Extrakte hemmen grampositiv (S. aureus, B. cereus, L. monocytogenes) mit MIC-Werten von 0,5–4 mg/mL und gramnegativ (E. coli, Salmonella, P. aeruginosa) mit MIC 2–8 mg/mL (Nasar-Abbas & Halkman 2004, PMID: 15462134). In der traditionellen Küche wurde Sumach daher auch als Lebensmittelkonservierungsmittel eingesetzt (Fleisch mit Sumach mariniert hält länger).

Hypolipidämisch: Mehrere Studien zeigen, dass Sumach-Supplementierung LDL-Cholesterin ↓, Triglyzeride ↓ und HDL ↑beeinflusst. Sabzghabaee et al. (2014, PMID: 24523788) demonstrierten in einem RCT mit 72 Hyperlipidämie-Patienten signifikante Reduktionen nach 6 Wochen (500 mg Kapseln, 2×/Tag).

Hepatoprotektiv: Tiermodelle zeigen, dass Sumach-Extrakt die Leber vor CCl₄-induzierter Schädigung schützt (Reduktion von ALT, AST) – zurückgeführt auf die antioxidativen Gallotannine (Abbass et al. 2020).

Nephroprotektiv: Sumach-Extrakt schützt Nieren in Gentamicin-induzierten Toxizitätsmodellen bei Ratten (Berizi et al. 2017, PMID: 29225966).

⚠ Allergiepotenzial: Als Anacardiaceae-Mitglied teilt Sumach potenzielle Kreuzreaktivität mit Cashew-, Mango- und Pistazien-Allergikern. Personen mit bekannter Anacardiaceae-Allergie sollten Sumach meiden oder mit kleinen Mengen testen. Urushiolgehalt in R. coriaria ist minimal, aber Kreuzreaktionen der IgE-Antikörper sind dokumentiert.

Qualitätsmerkmale & Einkauf

Sattes Dunkelrot = Qualität · Blass oder bräunlich = minderwertig

Die Farbe ist der wichtigste Qualitätsindikator: Hochwertiger Sumach zeigt ein sattes, tiefes Dunkelrot bis Purpur. Blasse, hellrote oder gar bräunliche Töne deuten auf Überlagerung, unreife Ernte oder Verfälschung hin.

Farbe

Satt dunkelrot

Purpur = Premium

Duft

Kräftig zitrisch-herb

Sofort beim Zerreiben

Textur

Grob-körnig

Nicht staubfein

Farbtest: Das wichtigste Kriterium. Premium-Sumach ist tief dunkelrot bis purpurn mit einer leichten Feuchtigkeit (nicht staubtrocken). Mindere Qualität: hellrot, rosa oder bräunlich – Zeichen für Überlagerung (Anthocyanabbau), unreife Ernte oder hohen Kernanteil.

Reibtest: Eine Prise zwischen den Fingern reiben: Es sollte sofort ein kräftiger, zitrisch-herber Duftaufsteigen. Fehlt dieser Duft → überlagert oder verfälscht. Auf den Fingern sollte ein sichtbar rotes Pigmenthaften bleiben (Anthocyane).

Textur: Premium-Sumach ist grob-körnig bis fein-granulat – man sieht individuelle Fruchtschalenfragmente. StaubfeinesPulver deutet auf hohen Kernanteil, Streckung oder übermäßiges Mahlen hin.

Salzgehalt prüfen: Türkischer Sumach enthält oft 5–15 % Salz. Auf der Zutatenliste: "Sumach" vs. "Sumach, Salz". Iranischer Sumach ist traditionell salzfrei – reiner, aber kürzer haltbar.

Bezugsquellen: Türkische und arabische Lebensmittelgeschäfte (frischeste Rotation!), spezialisierte Online-Gewürzhändler, orientalische Märkte. Supermarkt-Ware (wenn vorhanden) ist oft überaltert.

Preis: 8–20 EUR/kg im europäischen Einzelhandel. Premium (iranisch, salzfrei): 15–25 EUR/kg. Auf türkischen Märkten: 30–80 TRY/kg (~2–5 EUR). Verdächtig billige Ware (unter 5 EUR/kg) ist fast immer verfälscht.

Lagerung & Haltbarkeit

Extrem lichtempfindlich – Anthocyane fürchten UV

Sumach ist extrem lichtempfindlich: UV-Strahlung zerstört die Anthocyane (Farbpigmente) und baut die organischen Säuren ab. Er muss zwingend in opaken, luftdichten Gefäßen gelagert werden – mehr als jedes andere Gewürz.

Haltbarkeit

12 Monate

Gemahlen, opakes Gefäß

Lichtschutz

Zwingend opak

UV zerstört Anthocyane

Lagerung

Kühl, dunkel, trocken

<20 °C, <60 % rel. Feuchte

Haltbarkeits-Rechner

Geschätzte optimale Haltbarkeit

48 Monate

Ganze Körner in bernsteinfarbenem Glas

Geschichte & kulturelle Bedeutung

Die Zitrone vor der Zitrone – 2.000 Jahre Säuretradition

Die Geschichte des Sumachs ist die Geschichte der Säure in der Küche: Bevor Zitronen im Mittelmeerraum verbreitet waren (erst ab dem 10./11. Jh. durch arabische Expansion), war Sumach das primäre Säuerungsmittel der antiken Küche.

Antikes Griechenland & Rom: Schon Dioskurides (De Materia Medica, 1. Jh. n. Chr.) beschrieb Rhus coriaria als Arznei- und Gewürzpflanze. Plinius der Ältere(Naturalis Historia) erwähnte Sumach als Zutat zum Säuern von Speisen. In der römischen Küchewurde Sumach als Alternative zu Essig verwendet – Apicius (De Re Coquinaria) enthält Rezepte, die "rhus" als Säuerungsmittel spezifizieren.

Vor der Zitrone: Zitronen (Citrus limon) wurden erst ab dem 10.–11. Jahrhundert durch die arabische Expansion im westlichen Mittelmeerraum verbreitet. Davor war Sumach neben Essig und Verjus (Saft unreifer Trauben) das wichtigste Säuerungsmittel der gesamten Region. In Persien und der Levante behielt er diese Rolle auch nach der Verbreitung der Zitrone bei.

Islamische Blütezeit: In der mittelalterlichen arabischen Küche war Sumach allgegenwärtig. Ibn Sayyar al-Warraq (Kitab al-Tabikh, 10. Jh., ältestes arabisches Kochbuch) und al-Baghdadi(Kitab al-Tabikh, 13. Jh.) verwenden Sumach in zahllosen Rezepten – als Marinierungsmittel, in Eintöpfen, über gegrilltem Fleisch.

Gerbstoff-Industrie: Parallel zur kulinarischen Nutzung war R. coriaria über Jahrhunderte ein zentraler Rohstoff der Lederindustrie. Die tannin-reichen Blätter und Triebe lieferten den Sumach-Gerbstoff (daher coriaria = "zum Gerben gehörig"). Besonders Sizilien war im 18./19. Jh. ein Zentrum der Sumach-Gerbstoff-Produktion (Export nach England und Frankreich). Mit der Einführung synthetischer Gerbstoffe im 20. Jh. brach diese Industrie zusammen.

Namensherkunft: Das Wort Sumach/Sumakleitet sich vom aramäischen "summāq" ab, das schlicht "rot" bedeutet – ein Verweis auf die markante Fruchtfarbe. Über das Arabische (سماق) gelangte es ins Türkische (sumak), Persische und schließlich ins Europäische.

Kulturelle Symbolik: In der arabischen Welt gilt Sumach als Symbol für Gastfreundschaftund Vitalität. In türkischen und kurdischen Dörfern steht Sumach auf jedem Esstisch – so selbstverständlich wie Salz. Das rote Pulver hat eine fast ikonische visuelle Präsenz in der nahöstlichen Esskultur.

21. Jahrhundert – Renaissance: Die globale Popularität der Levante-Küche (Ottolenghi, Sami Tamimi, Yasmin Khan) hat Sumach in westlichen Küchen populär gemacht. Seit 2010 verzeichnet der globale Sumach-Handel zweistellige jährliche Wachstumsraten im Premium-Segment.

Markt, Handel & Wirtschaft

Türkei & Iran dominieren – Levante-Boom treibt Nachfrage

Der Weltmarkt für Sumach wird von der Türkei und dem Iran dominiert. Durch die weltweite Popularität der Levante-Küche erlebt das Gewürz eine massive Nachfragesteigerung im Premium-Segment.

Hauptproduzent

Türkei

15.000–20.000 t/Jahr

Wachstum

Zweistellig

Premium-Segment boomt

Preis (Europa)

8–25 EUR/kg

Premium: iranisch, salzfrei

Türkei – Marktführer: Geschätzte 15.000–20.000 Tonnen/Jahr Produktion (Wildsammlung + Kultur). Hauptanbaugebiete: Gaziantep, Şanlıurfa, Mardin, Siirt. Interner Verbrauch: hoch (Grundgewürz der türkischen Küche). Exportmärkte: EU, USA, arabische Staaten, Diaspora-Gemeinden.

Iran – Zweitgrößter: Geschätzte 5.000–8.000 t/Jahr, primär Wildsammlung in den Zagros-Bergen. Iranischer Sumach gilt als qualitativ hochwertiger (salzfrei, intensiver). Export eingeschränkt durch Sanktionen.

Weitere Produzenten: Libanon, Syrien (kriegsbedingt eingeschränkt), Afghanistan, Marokko, Sizilien (marginal). Die Gesamtproduktion aller Länder zusammen: geschätzte 25.000–35.000 Tonnen/Jahr weltweit.

Levante-Boom: Die globale Popularisierung der Levante-Küche (Kochbücher, Restaurants, Social Media) hat den europäischen und nordamerikanischen Sumach-Markt seit 2010 verdoppelt bis verdreifacht. Gewürzhändler berichten von 15–25 % jährlichem Nachfragewachstum im Premium-Segment.

Za'atar-Effekt: Der größte Nachfragetreiber ist die Beliebtheit von Za'atar-Mischungen, die in westlichen Supermärkten und Bäckereien Einzug gehalten haben. Da Za'atar typischerweise 25–35 % Sumach enthält, steigt die Sumach-Nachfrage parallel.

Verwechslung & Verfälschungen

Sumach ≠ Rosa Beere · Vorsicht vor Farbstoff-Streckung

Die häufigste Verwechslung besteht mit der Rosa Beere(Schinus terebinthifolius) – beide sind Anacardiaceae, beide sind rot, aber ihr Geschmack ist grundverschieden. Bei gemahlenem Sumach sind Verfälschungen verbreitet.

MerkmalSumach (Rhus coriaria)Rosa Beere (Schinus)Berberitze (Berberis)
FamilieAnacardiaceaeAnacardiaceaeBerberidaceae
GeschmackSauer, herb, adstringierendSüßlich, harzig, pfeffrigSauer, fruchtig (ähnlicher!)
FarbeTief dunkelrot, PulverRosa-pink, ganze BeerenDunkelrot, getrocknete Beeren
FormGrobes Pulver/GranulatGanze, runde BeerenLängliche Beeren
SchärfeKeine (Säure)Leicht (Terpene)Keine (Säure)
SchlüsselwirkstoffÄpfelsäure, Gallotannineα-Phellandren, MyrcenBerberin (Alkaloid)
HerkunftMittelmeer, Naher OstenSüdamerika (Réunion)Iran, Zentralasien

Verfälschungen bei Pulverware: Gemahlener Sumach ist eines der am häufigsten verfälschten Gewürzedes Nahen Ostens:

  • Hoher Kernanteil: Minderwertige Ware enthält einen großen Anteil gemahlener Steinkerne(geschmacklos, erhöhen das Gewicht) → Ergebnis: blasser, weniger sauer, sandige Textur
  • Rote Farbstoffe: Beimischung von synthetischen Farbstoffen (E120 Karmin, E122 Azorubin, E124 Ponceau 4R) zur Simulation von Anthocyantiefe → Test: in Wasser lösen – echter Sumach färbt langsam und trüb, synthetische Farbstoffe lösen sofort klar
  • Zitronensäure-Zusatz: Beimischung von kristalliner Zitronensäure zur Intensivierung der Säure bei sonst minderwertigem Grundmaterial
  • Übermäßiger Salzanteil: Manche Produkte enthalten 20–40 % Salz (statt der üblichen 5–15 %) → Zutatenliste prüfen oder salzfreien iranischen Sumach kaufen

⚠ Giftsumach-Verwechslung: In Nordamerika existieren giftige Toxicodendron-Arten (Poison Sumac), die weiße oder gelbe Beeren tragen – niemals rote! R. coriaria hat rote Beeren in aufrechten Rispen. In Europa/Nahost besteht kein Verwechslungsrisiko, da Giftsumach dort nicht vorkommt.

Nachhaltigkeit & soziale Verantwortung

Xerophyt an kargen Hängen – ökologisch wertvoll

Sumach ist eine der nachhaltigsten Gewürzpflanzen überhaupt: Er wächst auf kargen, steinigen Böden, die für andere Kulturen ungeeignet sind, benötigt keine Bewässerung, keine Pestizide und keinen Dünger – und schützt durch sein Wurzelsystem erosionsgefährdete Hänge.

Trockenheitsresistenz: R. coriaria ist ein Xerophyt, der mit weniger als 300 mm Niederschlag/Jahr auskommt. Er benötigt keine künstliche Bewässerung – ein entscheidender Vorteil in Regionen mit zunehmender Wasserknappheit (Südosttürkei, Iran). In Zeiten des Klimawandels gewinnt diese Eigenschaft an Bedeutung.

Bodenschutz & Erosion: Die Sumach-Sträucher stabilisieren mit ihrem weitreichenden, flachen Wurzelsystem erosionsgefährdete Kalksteinhänge. In der Türkei und im Libanon wird Sumach gezielt zur Hangbefestigung eingesetzt. Die Entfernung von Sumach-Beständen führt messbar zu verstärkter Bodenerosion.

Kein Pestizid- oder Düngereinsatz: Sumach wird weder in Wildsammlung noch in Kultur mit Pestiziden oder synthetischen Düngern behandelt – die Pflanze ist von Natur aus robust gegen die meisten Schädlinge (die Tannine wirken als natürliche Fraßschutzstoffe). De facto biologisch, auch ohne Zertifizierung.

Soziale Bedeutung: Die Sumach-Wildsammlung bietet Kleinbauern und Sammlergemeinschaften in wirtschaftlich benachteiligten Regionen (Südostanatolien, iranisches Kurdistan, libanesisches Hochland) ein wichtiges Zusatzeinkommen. Die Ernte und Verarbeitung ist arbeitsintensiv und sichert saisonale Beschäftigung, besonders für Frauen und Familien.

Risiken: Durch den steigenden globalen Bedarf besteht die Gefahr der Übernutzung wilder Populationen, besonders in Syrien und Afghanistan, wo Konflikte eine nachhaltige Bewirtschaftung erschweren. In der Türkei existieren regionale Sammelquoten und Waldschutzgesetze, die die Entnahme regulieren.

Domestizierungspotenzial: Die verstärkte Kultivierung von R. coriaria auf Marginalstandorten (steinige Hänge, Brachland) bietet eine Win-Win-Situation: Erosionsschutz + Einkommensquelle + Wildbestandsschonung. In der Türkei laufen Agroforstinitiativen zur Integration von Sumach in Olivenhaine und Mandel-Plantagen.

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Entdecken Sie die Zitrone des Orients: das tiefrote Pulver, das seit der Antike Säure, Farbe und Lebensfreude in die Küche bringt. Von Za'atar und Fattoush über gegrilltes Lamm bis zum modernen Cocktail – Sumach eröffnet eine Welt jenseits von Zitrone und Essig. Achten Sie auf sattes Dunkelrot und kräftigen Duft.

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