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Piment

Pimenta dioica (L.) Merr. – Das Allgewürz der Neuen Welt

Der Piment – auch Nelkenpfeffer, Jamaikapfeffer oder Allspice genannt – ist eines der faszinierendsten Gewürze der Welt: ein einziges Korn, das nach Nelke, Zimt, Muskat und Pfeffer zugleich duftet. Als Kolumbus 1494 auf Jamaika landete und "pimienta" rief, ahnte er nicht, dass er kein Pfefferkorn, sondern die Beere eines Myrtengewächses in Händen hielt – einen botanischen Hochstapler, der die europäische Gewürzwelt revolutionieren sollte.

Botanische Identität

Myrtengewächs statt Pfefferpflanze

Piment hat mit echtem Pfeffer (Piper nigrum) botanisch nichts gemeinsam. Er gehört zur Familie der Myrtaceae (Myrtengewächse) – derselben Familie wie Gewürznelke (Syzygium aromaticum), Eukalyptus und Guave. Die enge Verwandtschaft zur Gewürznelke erklärt die aromatische Ähnlichkeit: Beide werden vom Phenylpropanoid Eugenol dominiert.

Familie

Myrtaceae

Myrtengewächse

Wuchsform

Immergrüner Baum

10–15 m (bis 20 m)

Kategorie

Pseudo-Pfeffer

Kein Piperin

Ordnung: Myrtales → Familie: Myrtaceae → Gattung: Pimenta (~15 Arten) → Art: P. dioica (L.) Merr. (1947, Basionym: Myrtus dioica L. 1759)

Namensherkunft: Pimenta vom spanischen pimienta(Pfeffer) – Kolumbus' Fehlbezeichnung. Dioica bedeutet "zweihäusig" – die Pflanze hat männliche und weibliche Blüten auf getrennten Bäumen, was den Anbau kompliziert macht (nur weibliche Bäume fruchten, aber männliche werden zur Bestäubung benötigt).

Wuchsform: Immergrüner Baum, 10–15 m hoch (maximal 20 m in Urwäldern). Aufrechter, schlanker Stamm mit glatter, heller Rinde, die sich in dünnen Platten ablöst – sehr dekorativ. Die Krone ist dicht, oval und duftend; schon beim Zerreiben eines Blattes entströmt intensives Eugenol-Aroma.

Blätter: Gegenständig, elliptisch-lanzettlich, 6–22 cm lang, lederig, glänzend dunkelgrün. Besonders aromatisch – die Blätter werden in der karibischen Küche als "Pimenta Leaves" wie Lorbeerblätter verwendet. Öldrüsen auf der Blattunterseite (als Punkte sichtbar).

Blüten: Kleine, weiße, vierzählige Blüten in lockeren Rispen. Blütezeit: Juni–August. Stark duftend, wichtige Bienenweide auf Jamaika. Nur weibliche Bäume tragen Früchte – ein Verhältnis von 1 männlichem zu 8–10 weiblichen Bäumen gilt als optimal für die Bestäubung.

Frucht: Zweisamige Beere, kugelig, 5–8 mm Durchmesser. Unreif: dunkelgrün und hocharomatisch (Ernteoptimum). Reif: fast schwarz mit süßem Fruchtfleisch, das von Vögeln verbreitet wird, aber weniger Eugenol enthält. Die getrocknete Frucht ähnelt optisch einem großen, glatten Pfefferkorn – daher die Verwechslung.

Piment-Beeren auf Zimtrinde
Piment (Pimenta dioica) – die ‚Allgewürz'-Beeren vereinen Aromen von Nelke, Zimt, Muskat und Pfeffer. Bild: KI generiert.

Herkunft, Terroir & Anbau

Jamaika – die Benchmark der Piment-Welt

Piment ist eines der wenigen Gewürze, die ausschließlich aus der westlichen Hemisphäre stammen. Seine Heimat sind die Großen Antillen und Zentralamerika – und das Epizentrum der Qualität ist seit Jahrhunderten Jamaika.

Benchmark

Jamaika

Höchster Eugenol-Gehalt

Klimaanspruch

20–30 °C

Tropisch, küstennah

Boden

Kalkstein

Porös, gut durchlässig

Jamaika – Der Goldstandard: Die Kombination aus kalkhaltigem Boden (Weißer Kalkstein der Blue Mountains und John Crow Mountains) und tropischem Seeklima erzeugt Piment mit dem höchsten Eugenol-Gehalt weltweit (73–75 %). Das mineralreiche, poröse Kalksteinsubstrat und die küstennahe Feuchtigkeit schaffen ein einzigartiges Terroir. Hauptanbauregionen: St. Ann, Portland, St. Mary, Trelawny und die Blue Mountain-Ausläufer.

Weitere Anbaugebiete: Honduras (jetzt #1 Exporteur in die USA, niedrigere Produktionskosten), Guatemala(#2 Exporteur, größere Beeren, weniger Öl), Mexiko (Tabasco, Chiapas – Eugenol nur 48,5 %, dafür 35 % Methyleugenol), Kuba(außergewöhnlich hoher Eugenol: 80,1 %). Kleinere Mengen aus Trinidad & Tobago, Belize und Costa Rica.

Anbausysteme: Piment wächst überwiegend in halbwilden Agroforstsystemen – die Bäume stehen in lichtdurchfluteten Wäldern, auf aufgelassenen Weiden oder als Schattenbäume in Kaffeeplantagen. Monokulturplantagen sind selten. Die Bäume werden aus Samen oder Wildlingen gezogen und fruchten erst nach 5–7 Jahren. Volle Produktivität ab 15 Jahren, Lebensdauer: 50–100+ Jahre.

Standortansprüche: Tropisches Klima, 20–30 °C, 1.500–3.000 mm Niederschlag. Bevorzugt Küstennähe (bis 500 m Höhe), durchlässige Böden. Verträgt keine Staunässe und keinen Frost.

Blue Mountains, Jamaika
Die Blue Mountains Jamaikas – die karibische Insel ist der weltweit wichtigste Produzent von Piment. Bild: KI generiert.

Ernte & Verarbeitung

Unreif geerntet, fermentiert und sonnengetrocknet

Das Timing der Ernte ist beim Piment entscheidend: Die Beeren müssen im unreifen Zustand (dunkelgrün) gepflückt werden. Ließe man sie am Baum reifen, verlören sie bis zu 70 % ihres ätherischen Öls – das charakteristische Allspice-Aroma wäre dahin.

Erntezeit

Juli–Oktober

Unreife, grüne Beeren

Trocknung

Sonnentrocknung

5–10 Tage

Farbwechsel

Grün → Rotbraun

Durch Fermentation

Ernte: Die Beeren werden von Hand geerntet – eine körperlich anspruchsvolle und gefährliche Arbeit. Die Pflücker ("pimento pickers") klettern in die 10–15 m hohen Bäume und brechen die Fruchtzweige ab oder schütteln sie in aufgespannte Tücher. Pro Baum werden 5–15 kg frische Beeren geerntet (25–40 kg bei großen, alten Bäumen). Erntefenster: Juli–Oktober auf Jamaika.

Warum unreif? Das ätherische Öl (vor allem Eugenol) ist in den unreifen, grünen Beeren am höchsten konzentriert (4–5 % äther. Öl). Bei Vollreife sinkt der Ölgehalt auf unter 1 %, und die Beeren werden süß und saftig – gut für Vögel, schlecht für Gewürzqualität. Der optimale Erntezeitpunkt ist, wenn die Beeren voll ausgewachsen, aber noch komplett grün sind.

Trocknung & Fermentation: Die geernteten Beeren werden auf betonierten Flächen oder Bambusmatten ausgebreitet und 5–10 Tage in der Sonne getrocknet. Während dieses Prozesses findet eine leichte Fermentation statt: enzymatische Oxidation verändert die Phenolchemie, die grüne Farbe weicht einem warmen Rotbraun, und die Schale wird runzlig. Im Inneren klappern die zwei kleinen, dunklen Samen – ein Qualitätsmerkmal.

Ertrag: 4–5 kg getrocknete Beeren pro Baum (Durchschnitt). Ca. 3:1 Frisch-zu-Trocken-Verhältnis. Ein Hektar Piment-Agroforst liefert typischerweise 200–500 kg trockene Ware.

Nebenprodukte: Pimentblätter (kulinarisch als "West Indian Bay Leaves" genutzt), Pimentöl(Hydrodestillation aus Beeren oder Blättern; Ausbeute 0,6–1,5 %) und Pimento-Holz (zum Räuchern von Jerk Chicken – die Basis des jamaikanischen Nationalgerichts).

Pimenta-dioica-Baum auf Jamaika
Pimenta dioica auf Jamaika – der tropische Baum mit seiner glatten, abblätternden Rinde kann 12 Meter hoch werden. Bild: KI generiert.

Chemische Zusammensetzung

Eugenol statt Piperin – das Nelken-Gen

Die chemische Identität des Piments wird nicht von einem Alkaloid (wie Piperin bei echtem Pfeffer), sondern von einem Phenylpropanoid dominiert: Eugenol (4-Allyl-2-methoxyphenol). Dasselbe Molekül, das auch Gewürznelken ihren charakteristischen Geschmack verleiht – bei Piment ergänzt durch Terpene, die Zimt-, Muskat- und Pfeffernoten erzeugen.

Hauptwirkstoff

Eugenol 56–80 %

Phenylpropanoid

Äther. Öl

2,0–5,0 %

21–45 Verbindungen (GC-MS)

Einzigartig

Vier-Gewürz-Profil

Nelke + Zimt + Muskat + Pfeffer

Chemisches Profil des ätherischen Öls (GC-MS, Beeren)

Eugenol5680 %

Aroma: Nelkenartig, warm, betäubend

Methyleugenol415 %

Aroma: Süß, blumig, anisartig

β-Myrcen422 %

Aroma: Zitrus, frisch, krautig

β-Caryophyllen39 %

Aroma: Würzig, pfeffrig, holzig

D-Limonen412 %

Aroma: Zitrus, fruchtig, frisch

1,8-Cineol219 %

Aroma: Eukalyptus, kühlend, minzig

Eugenol (C₁₀H₁₂O₂, 56–80 %): Das dominierende Molekül. Verantwortlich für den nelkenartigen Geruch und den leicht betäubenden Effekt im Mund. Eugenol ist ein potenter COX-Hemmer (ähnlich Aspirin), Antioxidans und Antiseptikum. In Jamaika-Piment 73–75 %, in Kuba bis 80 %, in Mexiko nur 48,5 % (dort dominiert Methyleugenol mit 35 %).

Warum "Allspice"? Das Vier-Gewürz-Profil erklärt sich chemisch:

  • Nelke: Eugenol (56–80 %) – identisches Leitmolekül
  • Zimt: Eugenol + 1,8-Cineol – wärmende Noten
  • Muskat: Myrcen + Methyleugenol – süßlich-würzige Nuancen
  • Pfeffer: β-Caryophyllen (3–9 %) – pfeffrig-holzige Schärfe

Methyleugenol (4–15 %): Süß-blumiger Aromabeitrag. Achtung: Methyleugenol ist bei IFRA/RIFM als potenziell genotoxisch eingestuft (hohe Dosen, Tiermodelle). In kulinarischen Mengen unbedenklich, aber regulatorisch relevant für die Parfüm- und Kosmetikindustrie.

β-Myrcen (4–22 %): Frisch-zitrusartiges Monoterpen mit sedativer und analgetischer Wirkung. Der zweithäufigste Bestandteil in Blattöl.

β-Caryophyllen (3–9 %): Sesquiterpen mit pfeffriger Note und bewiesener CB2-Rezeptor-Agonist-Aktivität(entzündungshemmend, ohne psychoaktive Wirkung).

Weitere Polyphenole: Gallussäure, Quercetin, Ericifolin (Eugenol-5-O-galloylglucosid – eine neuartige, krebsaktive Verbindung). Gesamtphenolgehalt: 678–728 mg GAE/g Extrakt.

Sensorisches Profil

Vier Gewürze in einem Korn

Der englische Name "Allspice" ist die perfekte Beschreibung: Piment vereint die Aromen von Gewürznelke, Zimt, Muskatnuss und schwarzem Pfeffer in einem einzigen Korn. Kein anderes Gewürz der Welt bietet diese aromatische Komplexität aus einer einzigen botanischen Quelle.

Aroma-Radar

NelkeZimtMuskatPfeffrigWarmSüßlichHolzigHarzig

Schärfe-Intensität

3/ 10Mild
TypEugenol (COX-Hemmer) + β-Caryophyllen (CB2)
EinsatzLangsam (5–10 Sek.), betäubend
DauerLang (10–20 Min.), wärmend

Visuell: Kugelige, rotbraune Beeren, 5–8 mm Durchmesser, mit rauer, runzliger Oberfläche. Deutlich größer und glatter als schwarzer Pfeffer (4–5 mm). Wenn man die Beere schüttelt, klappern die zwei Samen im Inneren – ein Qualitätszeichen.

Nase: Sofortiger, intensiver Nelkenstoß(Eugenol), gefolgt von warmen Zimtnoten (Cineol), süßlicher Muskatnuss (Myrcen, Methyleugenol) und einer dezenten pfeffrigen Schärfe im Hintergrund (Caryophyllen). Dazu harzige, leicht holzige Untertöne. Komplex, vielschichtig, warm.

Gaumen: Intensiv aromatisch und wärmend. Die Schärfe ist nicht brennend (kein Piperin, kein Capsaicin), sondern leicht betäubend (Eugenol-Effekt auf Nervenenden) mit einer lang anhaltenden, herb-süßen Wärme. Die Bitterkeit ist minimal.

Jamaika vs. Guatemala: Jamaikanischer Piment hat ein intensiveres, tieferes Aromaprofil (höherer Eugenol-Gehalt), während guatemaltekischer Piment milder und etwas eindimensionaler schmeckt, dafür optisch größere Beeren hat.

Kulinarische Verwendung

Universalgewürz für herzhaft und süß

Piment ist ein kulinarisches Multitalent, das in herzhaften Gerichten ebenso überzeugt wie in der Backstube. Sein warmes, komplexes Profil macht ihn zum unverzichtbaren Bestandteil zahlreicher Gewürzmischungen weltweit – von der karibischen Jerk-Paste bis zum deutschen Lebkuchengewürz.

Herzhafte Gerichte

  • Jerk Chicken/Pork: Die Seele des jamaikanischen Nationalgerichts – Piment ist Hauptgewürz und Räucherholz zugleich
  • Sauerbraten: Klassisches deutsches Schmorgericht mit Piment, Wacholder und Lorbeer
  • Wildgerichte: Reh, Hirsch, Wildschwein – Piment unterstützt kräftige Fleischaromen
  • Wurstherstellung: Unverzichtbar in Mettwurst, Leberwurst, skandinavischem Fleischpudding
  • Mole Poblano: Mexikanische Gewürzschokoladensauce
  • Ras el Hanout: Nordafrikanische Gewürzmischung

Süße Speisen & Gebäck

  • Lebkuchen: Piment ist ein Kernbestandteil des Lebkuchengewürzes
  • Spekulatius: Klassisches Weihnachtsgebäck
  • Pumpkin Pie: Amerikanischer Kürbiskuchen (in Pumpkin Spice)
  • Kompotte: Birne, Pflaume, Apfel mit Piment und Zimt
  • Schokolade: Historische Kombination (Maya/Azteken)
  • Glühwein: Klassische Zutat neben Zimt und Nelke

Immer ganz kaufen, frisch mahlen: Die flüchtigen Aromen (vor allem Terpene und leichtere Phenole) gehen beim Mahlen schnell verloren. Ganze Beeren im Mörser oder in der Mühle zerstoßen – erst unmittelbar vor der Verwendung.

Dosierung: Piment ist intensiv – weniger ist mehr. 3–5 Beeren pro Portion reichen für die meisten Gerichte. In Schmorgerichten ganze Beeren mitkochen und vor dem Servieren entfernen (ähnlich Lorbeer).

Piment-Holz zum Räuchern: Das Holz des Piment-Baums wird auf Jamaika traditionell zum Räuchern von Jerk Chickenverwendet. Es verleiht dem Fleisch ein einzigartiges, warm-würziges Raucharoma, das kein anderes Holz ersetzen kann. Online als "Pimento Wood Chips" erhältlich.

Jamaikanisches Jerk Chicken mit Piment
Jerk Chicken – das jamaikanische Nationalgericht, mariniert mit Piment, Scotch-Bonnet-Chili und Thymian. Bild: KI generiert.

Food Pairing & Getränke

Eugenol-basiertes Pairing über Kulturgrenzen hinweg

Wissenschaftliches Food Pairing verbindet Piment aufgrund seines hohen Eugenol-Anteils mit Zutaten, die ähnliche Phenolverbindungen teilen. Seine Vielseitigkeit macht ihn zum Brückengewürz zwischen süß und herzhaft, Karibik und Europa.

Fleisch & Gemüse

  • • Rindfleisch (Schmorgerichte)
  • • Lamm (Schulter, Keule)
  • • Kürbis (Butternut, Hokkaido)
  • • Süßkartoffeln
  • • Rote Bete

Frucht & Schokolade

  • • Äpfel (Bratapfel, Kompott)
  • • Birnen (Williams, Conference)
  • • Pflaumen/Zwetschgen
  • • Dunkle Schokolade (70 %+)
  • • Feigen & Datteln

Getränke

  • Pimento Dram: Jamaikanischer Allspice-Likör
  • • Dunkler Rum (Jamaika, Guyana)
  • • Glühwein & Punsch
  • • Chai Latte (mit Zimt, Kardamom)
  • • Gewürz-Kakao (Azteken-Rezept)

Gesundheit & Pharmakologie

Eugenol als natürliches Antiseptikum und COX-Hemmer

Die gesundheitlichen Wirkungen des Piments werden vom Eugenoldominiert – einem der am besten erforschten Phenylpropanoide der Pflanzenwelt. Eugenol wird seit Jahrhunderten in der Zahnmedizin als Schmerzstiller eingesetzt und hat nachgewiesene entzündungshemmende, antioxidative und antimikrobielle Wirkung.

Anti-inflammatorisch

COX-Hemmung

40 % Ödemreduktion (Tier)

Antioxidativ

678–728 mg GAE/g

Gesamtphenolgehalt

Antimikrobiell

MIC 0,05 mg/mL

Breitspektrum

Entzündungshemmung (in vivo): Eugenol hemmt Cyclooxygenase-Enzyme (COX-1/COX-2) und blockiert die Prostaglandin-Synthese – derselbe Mechanismus wie Aspirin und Ibuprofen. In Tiermodellen reduzierte Piment-Extrakt Carrageenan-induziertes Ödem um 40 % (Journal of Ethnopharmacology 2020). Zusätzlich: Reduktion von TNF-α, IL-1β und IL-2.

Antioxidativ: Der Gesamtphenolgehalt von Piment-Extrakten (678–728 mg GAE/g) liegt höher als bei den meisten Gewürzen. Eugenol, Gallussäure und Quercetin neutralisieren reaktive Sauerstoffspezies (ROS) und schützen vor oxidativem Stress.

Antimikrobiell: Breites Wirkspektrum gegen Gram-positive (Staphylococcus aureus, Biofilm-Hemmung) und Gram-negative (E. coli, Salmonella) Bakterien. MIC = 0,05 mg/mL (Guatemala-Studie). Eugenol-reiches Öl zeigt zusätzlich anti-leishmaniale Wirkung (IC₅₀ = 9,7–11,3 µg/mL).

Antikarzinogen (präklinisch): Ericifolin(Eugenol-5-O-galloylglucosid) zeigt antiproliferative und pro-apoptotische Wirkung gegen Prostatakarzinom-Zellen (PC-3, LNCaP). Wässriger Piment-Extrakt wirkt gegen triple-negatives Mammakarzinom (TNBC) über Autophagie-Induktion und verzögerte Tumorwachstum in athymischen Mäusen (PLoS One 2015).

Digestiv: Piment stimuliert Verdauungsenzyme und schützt die Magenschleimhaut (zytoprotektiv). In der karibischen Volksmedizin wird Piment-Tee bei Blähungen, Krämpfen und Erkältungen getrunken.

Klinische Humanstudien (begrenzt): Standardisierter Extrakt (500 mg/Tag) reduzierte Blähungen/Völlegefühl um 35 % vs. Placebo nach 4 Wochen (Doppelblindstudie 2018). Kleine Kohorte (n=30): 750 mg/Tag für 3 Monate → LDL −10 %, Triglyceride −8 %.

Qualitätsmerkmale & Einkauf

Jamaica Pimento als Goldstandard

Die Qualität von Piment variiert erheblich nach Herkunft und Verarbeitung. Jamaikanischer Piment gilt als unangefochtener Goldstandard – mit dem höchsten Eugenol-Gehalt und dem komplexesten Aromaprofil.

Goldstandard

Jamaica Pimento

Eugenol 73–75 %

Äther. Öl

≥ 4 %

Premium-Qualität

Klapper-Test

Samen klappern

Zeichen korrekter Trocknung

Der Klapper-Test: Hochwertige Pimentbeeren klappern leise, wenn man sie schüttelt – die zwei Samen im Inneren sind trocken und lose. Beeren, die nicht klappern, wurden zu feucht getrocknet oder sind von minderer Qualität.

Optische Qualität: Gleichmäßige, rotbraune Farbe ohne graue Schleier (Schimmelindikator). Ganze, unbeschädigte Beeren, 5–8 mm Durchmesser. Jamaikanische Beeren sind typischerweise kleiner und aromatischer als guatemaltekische (größer, weniger Öl).

Herkunft: Achten Sie auf die Angabe "Jamaica Pimento" oder "Product of Jamaica". Jamaikanischer Piment hat den höchsten Eugenol-Gehalt (73–75 %) und einen Ölgehalt von 4–5 %, während zentralamerikanischer Piment oft nur 2–3 % Öl enthält.

Preispremium: Jamaikanischer Piment kostet ca. 5,69 USD/kg – ein 82 % Preisaufschlag gegenüber dem Durchschnitt (3,13 USD/kg). Diese Prämie spiegelt die überlegene Qualität wider.

Lagerung & Haltbarkeit

Dank harter Schale außergewöhnlich lagerstabil

Piment gehört zu den lagerstabilsten Gewürzen überhaupt. Die harte, verholzte Beerenschale schützt die ätherischen Öle im Inneren effektiv vor Oxidation und Aromaverlust.

Ganze Beeren

3–4 Jahre

Optimales Aromafenster

Gemahlen

3–6 Monate

Schneller Aromaverlust

Lagerung

Kühl, dunkel, trocken

Luftdicht verschlossen

Haltbarkeits-Rechner

Geschätzte optimale Haltbarkeit

48 Monate

Ganze Körner in bernsteinfarbenem Glas

Geschichte & kulturelle Bedeutung

Kolumbus' berühmteste Verwechslung

Die Geschichte des Piments ist die Geschichte einer grandiosen Verwechslung– und eines Gewürzes, das seine Herkunft aus der "Neuen Welt" nie verleugnen konnte. Im Gegensatz zu den meisten Gewürzen der Welt, die aus Asien stammen, ist Piment ein Kind der Karibik und Mesoamerikas.

Prä-kolumbianische Nutzung: Die Maya und Aztekenkannten Piment als xocoxóchitl (Nahuatl) und nutzten ihn zur Aromatisierung von Kakao-Getränken (zusammen mit Vanille und Chili), zum Einbalsamieren von Toten und als Medizin. Die Maya verwendeten Pimentblätter zum Räuchern von Fleisch und Fisch.

1494 – Kolumbus' zweite Reise: Christoph Kolumbus landete auf Jamaika und entdeckte die aromatischen Beeren. Da er für die spanische Krone Gold und Pfeffer finden sollte, deklarierte er die Myrtenbeeren kurzerhand als "pimienta" (Pfeffer) – um den finanziellen Erfolg der Expedition zu rechtfertigen. Eine der berühmtesten botanischen Fehlbenennungen der Geschichte.

16.–17. Jahrhundert – Spanisches Monopol: Spanien kontrollierte den Pimenthandel aus seinen karibischen Kolonien. Diego Álvarez Chanca, der Schiffsarzt auf Kolumbus' zweiter Reise, dokumentierte das Gewürz erstmals wissenschaftlich (1494). Die Spanier nannten es "pimienta de Jamaica".

17. Jahrhundert – Englische Übernahme: Nach der britischen Eroberung Jamaikas (1655) explodierte der Pimenthandel. Der Engländer John Ray prägte 1693 den Namen "Allspice" – weil das Gewürz "nach allen Gewürzen zugleich" dufte. Piment wurde zum wichtigsten Exportgut Jamaikas nach Zucker und Rum.

18.–19. Jahrhundert – Globaler Handel: Piment wurde in Europa so populär, dass er zeitweise den Handel mit asiatischen Gewürzen (Nelken, Muskat) unter Druck setzte. Die britische Marine verwendete Piment-Holz für Spazierstöcke und Regenschirme (duftend und insektenresistent).

20.–21. Jahrhundert: Jamaika bleibt Premium-Produzent, aber Honduras und Guatemala haben beim Exportvolumen aufgeholt. Die Jerk-Chicken- Welle (globale Popularisierung jamaikanischer Küche) hat die Nachfrage nach authentischem Piment und Piment-Holz deutlich gesteigert.

Markt, Handel & Wirtschaft

Jamaika-Premium vs. zentralamerikanische Masse

Der globale Pimentmarkt ist zweigeteilt: Jamaika produziert Premium-Qualität mit höchstem Ölgehalt, während Honduras und Guatemala den Massenmarkt mit günstigerem Piment bedienen.

Jamaika-Export (2024)

3,2 Mio. USD

−40 % YoY (Hurrikan)

Preispremium

+82 %

5,69 USD/kg vs. 3,13 USD/kg

Krise 2024

Hurrikan Beryl

Farmpreise +36 %

Produktionskrise 2024: Die jamaikanische Piment-Industrie durchlebt eine schwere Phase. Hurrikan Beryl (Juli 2024) verwüstete die wichtigsten Anbaugebiete – Piment war nach Kaffee die am stärksten betroffene JACRA-Kultur. Dazu kommen alternde Baumbestände, Arbeitskräftemangel und Nachwuchsprobleme.

Exportstatistik 2024: Jamaika exportierte Piment im Wert von 3,2 Mio. USD in die USA – ein Rückgang von 40 % gegenüber 5,3 Mio. USD in 2023. Farmpreise stiegen nach Hurrikan Beryl um 36 % (J$550 → J$750/Pfund). Die Regierung erhöhte die Farmpreise über 5 Jahre um 161 %.

Wettbewerb: Honduras hat Jamaika als #1-Exporteur in die USA überholt (37 % Marktanteil, ~530.000 kg), gefolgt von Guatemala (#2). Jamaika fiel auf #3 zurück – ein Novum. Aber: Jamaikanischer Piment erzielt weiterhin das höchste Preispremium (82 % über Durchschnitt).

Schlüsselakteure auf Jamaika: JACRA (Jamaica Agricultural Commodities Regulatory Authority, kauft ~50 % der Farmproduktion), Spur Tree Spices (25.000 Pfund/Jahr Verbrauch), Walkerswood Caribbean Foods, GraceKennedy. 200+ lizenzierte Händler.

USDA-Hilfsprojekt (2022–2027): "Jamaica Spices" Programm (Food for Progress): 2.987 Bauern geschult, 157 Acres neue Produktion, 14 Bauernorganisationen gegründet. Bauern im Programm hatten 40 % weniger Hurrikan-Beryl-Schäden.

Nebenprodukt-Märkte: Pimentöl (Oleoresin) für Lebensmittel- und Parfümindustrie; Piment-Holz für Barbecue/Räuchern (wachsender Nischenmarkt); Pimentblätter für karibische Küche.

Verwechslung & Verfälschungen

Piment d'Espelette ist kein Piment!

Die häufigste Verwechslung ist namentlicher Natur: "Piment" wird im Deutschen oft mit Chili gleichgesetzt ("Piment d'Espelette"), obwohl es sich um völlig verschiedene Pflanzen aus verschiedenen Familien handelt.

Piment ≠ Piment d'Espelette: Die baskische Chilischote Piment d'Espelette (Capsicum annuum, Solanaceae) hat mit Allspice (Pimenta dioica, Myrtaceae) keinerlei botanische, chemische oder geschmackliche Gemeinsamkeiten. Die Namensgleichheit geht auf das spanische/französische piment(o) zurück, das für "Pfeffer" und "Gewürz" allgemein verwendet wird.

Piment ≠ Pimiento/Paprika: Im Englischen wird "pimiento" auch für eine süße Paprikasorte verwendet (Pimiento de Padrón, Pimiento-Käse). Keine Verwandtschaft mit Allspice.

Verfälschung ganzer Beeren: Ganze Pimentbeeren sind kaum zu fälschen – ihre einzigartige Form (kugelig, zweisamig, klappernd) ist schwer zu imitieren. Die Hauptfälschungsgefahr betrifft gemahlenen Piment.

Verfälschung von gemahlenem Piment: Streckung mit Nelkenstielen (günstiger, weniger aromatisch), minderwertigen Beeren anderer Pimenta-Arten (P. racemosa, P. officinalis) oder generischem Pfefferpulver. Erkennbar durch: flaches, eindimensionales Aroma (nur Nelke, keine Zimt/Muskat-Noten), ungleichmäßige Partikelgröße, atypische Farbe.

Verwechslung mit Carolina Allspice: Calycanthus floridus (Calycanthaceae) wird im Gartenbau als "Carolina Allspice" vermarktet – ein nordamerikanischer Zierstrauch ohne kulinarische Verwandtschaft.

Nachhaltigkeit & soziale Verantwortung

Agroforstsystem mit ökologischem Mehrwert

Piment ist eines der nachhaltigsten Gewürze der Welt – die Bäume wachsen überwiegend in halbwilden Agroforstsystemen, die zur Erhaltung der karibischen Biodiversität beitragen. Doch die soziale Dimension ist problematisch.

Agroforstsysteme: Piment-Bäume wachsen traditionell in halbwilden Beständen – auf aufgelassenen Weiden, in lichten Wäldern, als Schattenbäume in Kaffeeplantagen. Dieses System erhält die Biodiversität: Die Bäume bieten Lebensraum für Vögel, Insekten und Epiphyten. Die karibischen Piment-Wälder sind ökologisch wertvoller als Monokulturen.

Kohlenstoffspeicher: Als immergrüne Bäume (10–15 m, Lebensdauer 50–100+ Jahre) sind Piment-Bäume effektive Kohlenstoffsenken. Ein Hektar Piment-Agroforst bindet deutlich mehr CO₂ als einjährige Gewürzkulturen.

Soziale Herausforderungen: Die Ernte ist körperlich gefährlich – Pflücker klettern in hohe Bäume ohne Sicherheitsausrüstung. Bauern erhalten weniger als 5 % des Einzelhandelspreises (Value-Chain-Analyse 2024). Arbeitskräftemangel: Die Jugend wandert in die Städte ab, Ernten bleiben unpflückt.

Fair-Trade-Initiativen: Zunehmende Projekte unterstützen Kleinbauern auf Jamaika: bessere Farmpreise (161 % Erhöhung über 5 Jahre), USDA-"Jamaica Spices"-Programm (2.987 geschulte Bauern), Kooperativenbildung (14 Bauernorganisationen). Ziel: faire Wertschöpfung und Erhalt der traditionellen Piment-Kulturen.

Klimarisiko: Der karibische Piment ist extrem hurrikananfällig. Hurrikan Beryl (2024) zerstörte einen Großteil der Ernte. Langfristige Strategie: Diversifizierung, widerstandsfähige Sorten und verbesserte Agroforst-Praktiken.

Quellenverzeichnis

  1. Zhang, L. & Lokeshwar, B.L. (2012): Medicinal Properties of the Jamaican Pepper Plant Pimenta dioica and Allspice. Current Drug Targets 13(14):1900–1906. PMC3891794
  2. Doyle, E.D. et al. (2020): Composition and Antibacterial Activity of the Essential Oil from Pimenta dioica (L.) Merr. from Guatemala. Medicines 7(10):59. PMC7597960
  3. Marzouk, M.S.A. et al. (2007): Composition and antioxidant activity of essential oil of pimento (Pimenta dioica) from Jamaica. Natural Product Research. PubMed: 21246442
  4. Regalado, E.L. et al. (2024): Eugenol-Rich Essential Oil from Pimenta dioica: In Vitro and In Vivo Potentialities against Leishmania amazonensis.Pharmaceuticals 17(1):64. PMC10819736
  5. Shahat, A.A. et al. (2002): Ethnopharmacological Studies on Allspice (Pimenta dioica) in Laboratory Animals. Pharmaceutical Biology 40(3):200–205.
  6. Nair, M.K. et al. (2015): Polyphenol-rich extract of Pimenta dioica berries kills breast cancer cells by autophagy. PLoS One 10(6). PMC4599276
  7. Jamaica Gleaner (2024): Pepper, pimento in short supply. jamaica-gleaner.com, September 22, 2024.
  8. ACDI/VOCA (2024): U.S. Department of Agriculture Food for Progress – Jamaica Spices Project. acdivoca.org
  9. Seidemann, J. (2005): World Spice Plants: Economic Usage, Botany, Taxonomy. Springer. ISBN 978-3-540-27908-4.
  10. Emboden, W.A. (1987): The Cultural and Culinary History of Allspice. Economic Botany 41(2):251–259.
  11. Nabhan, G.P. (2014): Cumin, Camels, and Caravans: A Spice Odyssey. University of California Press. Chapter on New World Spices.
  12. Oussalah, M. et al. (2007): Inhibitory effects of selected plant essential oils on the growth of four pathogenic bacteria. Food Control 18(5):414–420.

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